Alt

Ich war noch ein Kind und es ist schon viele Jahre her, dass meine Oma einen Schlaganfall hatte. Die ganze Familie war zu dieser Zeit in den Sommerferien in Bayern, und es stand aufgrund der Dramatik durchaus im Raum, den Urlaub abzubrechen. Dazu kam es aber nicht, warum auch immer. Jedenfalls erholte sich meine Oma nicht mehr und starb wenige Wochen später.

Einige Zeit später berichtete meine Mutter, dass ihre Mutter wohl eine Vorahnung gehabt haben müsse, dass das Leben bald zu Ende gehen würde. Sie machte das an dem Umstand fest, dass ihre Mutter entgegen ihrer normalen Vorgehensweise keine Vorräte mehr angelegt hatte. Besonders auffällig schien ihr, dass die Oma im Vorjahr kein Obst mehr eingekocht hatte, die entsprechenden Regale im Keller waren alle leer geblieben.

Diese Geschichte beschäftigt mich seit einiger Zeit. Natürlich kann ich nicht sagen, ob es solche Vorahnungen wirklich gibt. Alles kann ja auch nur ein Zufall sein. Andererseits fällt mir auf, dass ich seit etwa einem Jahr alle meine Angelegenheiten regeln möchte, mich mit dem, was ich eventuell einmal hinterlassen werde, beschäftige und inzwischen auch festgelegt habe, wie und wo ich einmal bestattet werden möchte. Ich habe meine Patientenverfügung aktualisiert und Vollmachten über den Tod hinaus erteilt. Dazu räume ich auf, trenne mich von Dingen, die ich nicht mehr benötige und will nichts unvollendet lassen, besonders nicht die Geschichten, an denen ich schreibe. Eine Vorahnung?

Gleichzeitig merke ich, dass ich mich zunehmend alt und beruflich unbrauchbar fühle. Mir fiel das besonders auf, als ich kürzlich einem Achtzehnjährigen gegenüber saß, der gerade im ersten Jahr seiner Ausbildung ist. Das Gespräch drehte sich um Themen des Arbeitslebens sowie um seine Begeisterung über den Lehrbetrieb und die Lerninhalte. Ich sagte zu ihm, dass ich gerne auch noch einmal etwas Neues lernen würde, dass aber für mich die Zeit vorbei sei und diese Möglichkeiten nicht mehr bestehen. In dieser Deutlichkeit hatte ich das noch nie gesagt und in dieser Klarheit wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass diese Erkenntnis schmerzhaft ist.

Aber es stimmt tatsächlich. Ich würde gerne wieder etwas Neues lernen, so wie ich vor drei Jahren die Führerscheinausbildung gemacht habe. Es war damals ein gutes Gefühl, zu spüren, dass ich auch völlig neue Inhalte schnell lernen und mir Fähigkeiten verlässlich aneignen kann. Es fühlte sich so lebendig an! Vielleicht lag das auch an der Phase des allgemeinen Aufbruchs, in dem ich mich zu dieser Zeit befunden habe. Heute fühlt es sich nicht mehr so lebendig an.

Dazu passt es, dass ich nun erneut arbeitslos werde und ich mich dadurch wieder nutzlos und überflüssig auf dem Arbeitsmarkt fühle. Vor drei Jahren war ich mir sicher, nie wieder arbeitslos zu werden, denn Busfahrer wurden überall gesucht. Hätte ich Corona vorhergesehen, hätte ich mit Sicherheit auch noch den LKW-Führerschein gemacht. Zur Zeit finden ja keine Reisen statt und auch der ÖPNV erlebt ständig Kürzungen. Folglich gibt es viel zu viele Busfahrer, von denen viele inzwischen auf LKW umgestiegen sind, eben jene, die das können. Ich kann es nicht.

Bei meiner letzten Nachfrage nach Weiterbildungsmöglichkeiten bei der Arbeitsagentur wurde nur abgewunken (im übertragenen Sinn, da der Kontakt ja seit einem Jahr nur noch telefonisch erfolgt….). Zwischen den Zeilen war herauszuhören, dass sich bei meinem Alter eine Weiterbildung nicht mehr rechnet. Oder auch nicht mehr lohnt? Dabei fühle ich mich, was die geistigen Fähigkeiten und Möglichkeiten angeht, leistungsfähig wie seit Jahren nicht mehr.

Es kommt zu dieser Gefühlslage des Alterns hinzu, dass auch der Körper leise Anzeichen des Alters zeigt. Es tut mir gerade jetzt nicht gut, dies wahrzunehmen. Ich bin mit Sicherheit kein eingebildeter Kranker und will nicht andeuten, irgend eine Krankheit zu haben. Es ist eher ein diffuses Gefühl, das vieles nicht mehr so 100% zu funktionieren scheint. Den Tumor vor vierzig Jahren hatte ich mir nicht vorstellen können und die Veränderungen daher nicht so wichtig genommen, dass ich mit einem Arzt darüber gesprochen hätte. Wäre das heute eigentlich anders? Würde ich es bedauern, wenn ich heute den Befund einer schwerwiegenden Krankheit bekäme? Oder wäre es nur die Bestätigung einer unklare Ahnung und daher in Ordnung?

In dem Buch „Nachtzug nach Lissabon“ gibt es einen Rückblick, bei dem ein Protagonist in der Nacht voller Angst aufwacht, angesichts der plötzlichen Erkenntnis, dass vieles in seinem Leben unvollständig bleiben wird. In der Unterhaltung mit seinem Freund sagt er: „Mir wurde klar, dass mein Leben ohne die gespielten Goldberg-Variationen zu Ende gehen wird“. Diese Erkenntnis setzte ihm so zu, dass er nicht mehr schlafen konnte. Vielleicht ist das vergleichbar mit dem Aspekt in meinem Empfinden, dass es für mich beruflich keine neuen Wege mehr gibt?

Was in meinem Leben wird unvollständig bleiben, wenn ich jetzt gehen würde?

Alt

3 Gedanken zu „Alt

  • 5. April 2021 um 10:02
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    Ich schließe mich Stephan und Dirk inhaltlich an. Deine Zeilen, Gedanken und Gefühle könnten ein großes Stück weit die meinen sein. Ja, älter werden ist nichts für Feiglinge – es ist eine große Herausforderung, der ich mich gerade auch stellen muss. So freue ich mich darauf das Thema nochmals mit Dir auf Skype zu behandeln. Alles Liebe – und bis bald! Roland

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  • 5. April 2021 um 5:33
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    Lieber Matthias, leider hat Corona das wirtschaftliche Auskommen vieler Mitbürger negativ beeinflußt bis hin zu Insolvenzen. Unsere regierenden “Eliten” versagen täglich jämmerlich. Viele Länder sind mit Impfungen längst wesentlich weiter und damit auch näher am Ende des Lockdowns. Und flächendeckendes Impfen dürfte in diesem Fall die einzige Lösung des Problems sein. Kommt es bei uns schließlich auch wieder zu einem Leben wie vor Corona, vermute ich, daß es gerade im Reisesektor einen großen Nachholbedarf geben wird. Und dann werden auch Busfahrer wieder verstärkt gebraucht.

    Hinsichtlich des Alterungsprozesses geht es Dir nicht anders als allen Menschen über 50.
    Mein Vater sagte immer: Im Alter hängt sich alles an einen ran, nur kein junges Mädchen.

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  • 4. April 2021 um 18:57
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    Lieber Matthias,

    in meiner Wahrnehmung bist Du ein höchst außergewöhnlicher Mensch: Du bist empathisch, Du sprichst über Deine Gefühle und Du benutzt Dein Hirn. All das ist ungewöhnlich und immer mehr Menschen scheinen zu glauben, dass man sein Hirn an Google auslagern könne. Dem aber ist nicht so!

    JEDER Mensch mit etwas Selbstreflektion wird hier und da an sich selbst zweifeln und/oder verzweifeln. Nur die Dummen und die selbstgefälligen Ideologen unterliegen der Illusion einer permanenten rechthaberischen Überlegenheit. Aus meiner Sicht sind die von Dir geschilderten Selbstzweifel daher ein Qualitätsmerkmal für Dich und kein Indiz für Minderwertigkeit. Die Literatur und die Philosophie sind voller Beispiele in diese Richtung.

    Leider führt diese Selbstreflektion – mir geht es da nicht anders als Dir – irgendwann zu der Erkenntnis, dass bei unserer Geburt niemand auf uns gewartet hat und dass nach unserem Ableben die Welt sich weiter drehen wird, ohne groß auf uns einzelne Individuen Rücksicht zu nehmen. Zum Prozess des Erwachsen- oder zumindest des Älter-Werdens gehört diese Erkenntnis und deren Akzeptanz zum Menschsein dazu.

    Für mich kann ich gestehen, dass ich mich mit diesem Eingeständnis schwer getan habe. Für Jahrzehnte habe ich mich von körperlicher und geistiger Kraft den meisten Mitmenschen überlegen gefühlt. Heute weiß ich, dass dem mit meinen fast 66 Jahren nicht mehr so ist. Auch die körperlichen Gebrechen nehmen zu und die Entscheidung, mit welcher Unzulänglichkeit jetzt ein Arzt aufzusuchen ist oder was man für sich selbst als “altersgemäßen Verschleiß” schönredet, dürfte bei mir nicht viel anders sein als bei Dir.

    Ich glaube, dass das Lamentieren über Vergangenheit nicht zielführend ist. Wir können doch nur nach vorne schauen: Die Everest-Besteigung haben wir verpasst und werden die auch nicht mehr nachholen; auch werde ich meine Abiturienten-Idee, einmal auf dem Landweg rund ums Mittelmehr zu fahren, wohl nicht mehr realisieren. Aber es gibt unendlich viele Orte, die ich mir gerne noch ansehen möchte – ganz gleich ob die in Deutschland liegen oder ob ich es doch noch einmal bis zum Baikal-See schaffe. Von daher denke ich, man muss seine Pläne, Wünsche und Vorstellungen auch der jeweiligen Lebenssituation anpassen. Du hast das immer geschafft und wirst das auch in der aktuellen Situation hinbekommen.

    Ich wünsche Dir alles Gute!
    Liebe Grüße, Dirk

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