Last

Ich saß dem Arzt gegenüber, dem Einzigen, den ich finden konnte, der in Rottweil noch neue Patienten aufzunehmen bereit ist. Im üblichen Dialog erfragte er meine medizinische Vorgeschichte und ich erzählte in Kurzform aus meiner Vergangenheit. Mit ernstem Blick sah mich an und hörte aufmerksam zu. Und dann fragte er: Warum wollten Sie ihr altes Leben loswerden? Einen Moment lang war ich überfordert und nicht in der Lage, eine plausible Antwort zu präsentieren. Eigentlich kann ich es auch noch immer nicht, zu diffus sind die Gedanken und Emotionen zu dieser Fragestellung.

Aber es gibt Indizien, die in genau diese Richtung gehen. So passierte es mir, als ich eine Umzugskiste fand, die weitgehend der Küche zuzuordnen war und der ich mich daher widmen wollte. Ich ging ans Auspacken und fand Putzmittel und Wischtücher, Backpapier (welches ich bereits vermisst hatte, ohne es aktuell gebraucht zu haben) und Alufolie. Den meisten Raum in dieser Umzugskiste nahmen jedoch diverse Vasen ein, von denen eine durch den Umzug in tausend Scherben zerbrochen war. Die Anderen packte ich aus – und merkte einen so deutlichen Widerwillen gegenüber diesen Gegenständen, dass ich bis heute nicht bereit war, einen Platz für sie zu finden. Das diffuse Gefühl sagt: Ich will euch nicht mehr in meinem neuen Leben haben.

Ganz ähnlich ging es mir mit den Handtüchern, die noch aus der Zeit des Fotostudios stammen. Sie sind farblich angelehnt an die blaugrüne Hausfarbe des Studios und in meinem Bestand die einzigen Frotteetücher mit einer kalten Farbe. Auch die grauen Aktenordner aus der Studiozeit haben es hinter sich, ich wollte sie nicht mehr sehen und habe daher für mein neues Leben ein paar Ordner in gelber Farbe beschafft. Heute fand ich beim Auspacken den Restbestand meiner Briefbögen, sicher zweihundert Blatt mit der Adresse aus Würzburg und rückseitig aufgedruckten allgemeinen Geschäftsbedingungen des fotografischen Betriebs. Warum hatte ich sie damals beim Auszug aus Würzburg überhaupt eingepackt, wo mir doch klar sein musste, dass ich sie nicht mehr brauchen kann? Und wo mir doch ebenso klar war, dass meine Zeit als Fotograf vorbei war?

Auch der Schreibtisch, der seinerzeit im Fotostudio stand, um die Daten aus der digitalen Kamera direkt aufzunehmen, hat den Umzug nicht oder nur in desolatem Zustand überstanden. Beim Transport die Treppe hoch ist er einfach auseinandergebrochen und in einzelne Bretter zerfallen, nicht ohne dabei alle Gewinde zu zerstören. Vielleicht wollte er mir zeigen, dass seine Zeit vorbei ist? Nun steht er hier, provisorisch aufgestellt und durch Kartons vor dem erneuten Zusammenbruch geschützt. Der Aufwand, ihn noch einmal zu richten, ist immens und geht weit über meine Fähigkeiten hinaus. Er bedeutet mir auch nichts, damals brauchte ich ihn, er war zweckmäßig und billig. Ich hätte ihn auch wieder benutzt, wenn er intakt gewesen wäre. Nun ist er das nicht mehr und es mutet wie eine Befreiung an, mich von ihm zu trennen.

Und so merke ich anhand von vielen kleinen Dingen, dass da viel mehr ist, als nur ein einfacher Ortswechsel. In einer tagebuchartigen Aufzeichnung fand ich heute den Satz: Wenn ich mein bisheriges Leben weiter führe, trage ich eine Last mit mir, die zu schwer für mich geworden ist. Das habe ich 2007 geschrieben. Demzufolge hätte es zehn Jahre gedauert, bis ich diese Erkenntnis in die Praxis umgesetzt habe. Ich hätte mich befreit, in dem ich mich von Besitz trennte und vieles losließ, was sich erst hinterher als eine Entlastung dargestellt hat. Ist es also die Last gewesen, die ich losgelassen habe und nach der der Arzt gefragt hat? Bin ich nicht, wenn ich spüre, dass ich bestimmte Dinge in meinem Leben nicht mehr haben möchte, noch immer dabei, mich von Last zu trennen und in meine neue Existenz Leichtigkeit einzulassen?

Ich habe noch immer keine sichere Sicht auf diese Fragestellung, keine wirkliche Antwort. Woher kommt das Gefühl der Last, wenn ich an das alte Leben denke, an das ich so ungern durch mein Umzugsgut erinnert werde? Ist es für mich so revolutionär, zu versuchen, nach meinen Wünschen zu leben, dass sich die Vergangenheit dagegen wie ein riesiges Gewicht anfühlt? Oder ist es vielleicht eher ein riesiger Schmerz in mir, der sich als Last getarnt hat und den ich auf diese Weise glaubte, loswerden zu können? Der Stein, der mich zu überrollen drohte…?

Last

2 Gedanken zu „Last

  • 2. Dezember 2018 um 15:16
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    Michael….Ich weiss, dass ist jetzt megaoberflächlich….aber es gibt auch Gegenstände, die machen (manche) Frauen sehr!!! glücklich….ja, ich rede von Schuhen und Handtaschen!!! Und sie halten, bei guter Pflege, auch sehr lange, ich hab welche, die sind 30 Jahre alt und ich “liebe” sie. Aber Matthias, Du hast Recht, bei Manchem merkt man erst nach einer gewissen Zeit, dass es eine Last ist, einem nicht gut tut, oder man es gar nicht braucht oder will. Aber ich denke, dass bringt dass Leben mit sich, Einiges kommt, Einiges geht wieder, Einiges bleibt. Es wäre mir eine grosse Freude und Ehre, wenn DU im meinem Leben weiterhin noch gaaaaaaanz lange bliebest….Du bist ein ganz Grossartiger, so wen sortiert man nie aus. Und ich bin so gespannt, was dein Leben noch so bringt. Danke für diesen Blog und dass ich daran teilhaben darf. Hdl

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  • 21. November 2018 um 21:30
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    Gegenstände machen nicht glücklicher, jedenfalls nicht nachhaltig. Wenn dem so ist, dann machen Gegenstände aber auch nicht unglücklich. Es sind die Geschichten, die mit den Gegenstände verbunden sind und durch die auch ein Gegenstand unerträglich werden kann. Sich von Gegenständen zu trennen kann wie eine (symbolische) Trennung von dem sein, was belastet. Nun haben sich diese Gegenstände wie ein schaler Geschmack aus den tiefen Windungen des Inneren wieder nach oben gedrückt. Löse dich von ihnen, sie machen nicht glücklich. Dein „neues Leben“ braucht neue Geschichten, die gute Gefühle zurück lassen. Sind nicht diese Geschichten das, was dein neues Leben ausmachen soll, und sind es nicht die alten schlechten Erlebnisse, von denen du dich trennen wolltest?
    Kann man sich aber wirklich vom alten Leben lossagen oder sind es nur die alten Belastungen, von denen du dich trennen möchtest? Diese sind möglicherweise (oder sogar ganz bestimmt) auch an Gegenstände gebunden. Sich aber in Gänze vom alten Leben zu trennen bedeutet auch, sich von dem Schönen und Wertvollen zu trennen, was aber doch eigentlich bewahrenswert ist. Sie machen dich aus, genau so wie das, was dich belastet. Sie sind auch ein Teil von dir. Möglicherweise haben ja ähnliche Gedanken den Arzt ernst blicken lassen und ihn zu der Frage nach dem „Warum“ bewogen. Lass uns darüber einmal gemeinsamen in einem Gespräch nachdenken.

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