Erdbeben

Es gab einen Tag während meines Aufenthaltes in der Klinik, da sollten wir uns einmal gezielt mit dem im Raum vorhandenem Spielzeug beschäftigen und intuitiv das für uns Passende auswählen. Derartige Aufträge fallen mir immer sehr schwer, ich habe das Leichte und Spielerische in meinem Leben nicht gefördert und daher weitgehend verloren. Und eigentlich wehre ich mich innerlich auch immer gegen solche Sachen, sie scheinen mir einfach nicht gemäß zu sein oder zu passen. Aber die farbigen Bauklötze erinnerten mich an die rosafarbene Wanne mit den Bausteinen aus meiner Kindheit. Und so habe ich mir schnell die fünf Steine genommen, ehe mir ein anderer Patient zuvor kommen konnte. Ich arrangierte sie auf die abgebildete Weise und hatte so das erleichternde Gefühl, den Arbeitsauftrag der Therapeuten erfolgreich umgesetzt zu haben. Und eine kleine Spielfigur, ein Junge aus dem Programm von Playmobil, schien mir geeignet, als Platzhalter für mich selbst zu stehen, als der kleine Junge, den wiederzufinden ich mir vorgenommen hatte. Und so baute ich die Situation auf, wie ich mein Leben zu diesem Zeitpunkt einschätzte. Scheinbar sicher und geschützt, verdeckt durch massive Steine sehe ich die Welt nur durch einen kleinen Schlitz, bleibe in Deckung und bewege mich nicht von der Stelle.

Natürlich wurde anschließend über die Ergebnisse des Spiels aller Patienten in der Gruppe ausführlich gesprochen. Und nach meinen Ausführungen über die Gründe der Anordnung des Spielzeugs und deren Hintergründe kam die Frage der Therapeuten, wie ich es mir denn für die Zukunft wünschen würde, was denn mein diesbezügliches Ziel sei. Und hier half mir die Intuition und Spontanität, die ich mir selbst so selten genehmige und die ich deshalb so wenig an mir wahrnehme. Mit drei Fingern der rechten Hand schnippste ich die vorne stehenden drei Bausteine auseinander, befreite auf diese Weise den kleinen Jungen aus dem zugegebenermaßen selbst gewählten Gefängnis und ließ ihn den Weg ins Leben gehen. So wollte ich mein zukünftiges Leben sehen und gestalten. Und der Wunsch, den PCT zu gehen, ist für mich ein gefühlter Ausbruch aus einer festgefahrenen Situation, hin zu mehr Selbstbestimmung, Freude am Leben und der Realisation eigener Wünsche, die ich mir so lange selbst versagt hatte. So wurde mir auf spielerische Weise die harte Realität meines Lebens vor Augen geführt und gleichzeitig aufgezeigt, wie relativ einfach die Lösung der Situation ist und ich sie selbst in den Händen habe. Genau so, wie ich es in den letzten drei Absätzen meines Dankes an mich selbst beschrieben habe, damit ich es niemals wieder vergesse.

Und nun begann das neue Jahr mit einem Erdbeben. Ich versuche ja, wegen der noch ungelösten Finanzierung des Wanderweges ein von meinem Vater geerbtes Waldgrundstück im Kreis Potsdam zu verkaufen. Das gestaltet sich als äußerst schwierig und kompliziert, da es kein Bauland ist und somit der Nutzen eingeschränkt ist. Demzufolge ist die Nachfrage gering und alle Interessenten sind bislang wieder abgesprungen. Von meiner diesbezüglichen Enttäuschung berichtete ich einer lieben, ehemaligen Mitpatientin aus der Klinik in einem Telefonat. Darauf bot sie mir nach längerem Zögern an, den Erlös des Grundstücksverkaufes vorzufinanzieren. Sie erwartet eine Auszahlung eines Sparvertrages und benötigt dieses Geld derzeit nicht. Ich wäre gerne spontan gewesen und hatte das „Ja“ schon auf den Lippen. Jedoch habe ich es zunächst zurück gehalten, weil es für mich doch ein unglaubliches Angebot war, das auf einmal die Wanderung auf dem PCT zum Greifen nahe erscheinen lässt.

Und auf einmal habe ich Angst vor der eigenen Courage. Sehr oft im Leben hat mich diese oder eine ähnliche Angst massiv gehindert, die Realisation meiner Wünsche in Angriff zu nehmen. Und da ist mir die Sache mit den Bauklötzen wieder eingefallen, es ist die perfekte, visuelle Darstellung dessen, was gerade bei mir passiert. Die Steine sind bereits umgefallen, der Blick frei geworden auf das Leben. Und nun muss der kleine Junge den Mut aufbringen, die Entscheidung zu fällen, den alten Platz an der Mauer hinter sich zu verlassen und sich auf den Weg ins Leben zu machen. Als Erstes müsste ich nun das großzügige Angebot meiner Mitpatientin annehmen und damit eine Verpflichtung eingehen, die ich lieber in der Gewissheit des baldigen Verkaufs des Grundstücks eingehen würde. Ich müsste vertrauen können – mir selbst, dass ich mich weiterhin intensiv um den Verkauf bemühe und alles ermögliche, um das Geld schnellst möglich zurückzahlen zu können. Und ihr, dass ich von ihr die Zeit zum Verkaufen bekomme, die notwendig ist und deren Umfang nicht in meiner Macht liegt, ohne dass ich Druck wegen der Rückzahlung bekomme. Weitere logische Folgen stehen dann an. Die Wohnung müsste gekündigt werden, Verträge aufgelöst werden, ein Flug gebucht werden und vieles Andere mehr. Und damit sind es Entscheidungen, die mir wegen der Endgültigkeit und der Unumkehrbarkeit auf einmal wie unüberwindliche Hürden erscheinen. Auch die Beschäftigung mit der Planung der Wanderung, für die ich ja noch drei Monate Zeit habe, macht auf einmal Angst. Ist das nicht verrückt?

Wie werde ich mich entscheiden?

Erdbeben

Ein Gedanke zu „Erdbeben

  • 9. Januar 2017 um 11:26
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    Ich finde es unglaublich spannend, was Du da machst! Und, Du schaffst das!
    Ich freue mich, Dich auf Deinem Weg zu begleiten und dabei zu erfahren, was Du alles erlebst!!
    Der Weg ist das Ziel – alles Liebe – Roland

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