Weihnachtsplätzchen

In der Küche sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Die Schürze ist über und über mit Mehlstaub bedeckt und überall stehen Backbleche und Teige in Schüsseln herum. Und auf den bemehlten Arbeitsflächen liegen die Werkzeuge: Das Nudelholz, die Förmchen fürs Ausstechen und ein Messer, um den Teig von der Fläche abzuheben. Gleichzeitig sind da zwei Menschen intensiv am arbeiten, während sie versuchen, sich gegenseitig möglichst wenig im Weg herumzustehen – und das auf verblüffende und harmonische Art und Weise auch sehr gut schaffen. Und jeder hängt ein bisschen seinen Gedanken nach, belebt eine familiäre Tradition erneut zum Leben und weckt die Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, seien sie positiv oder negativ. Und erzählt von den Erlebnissen aus seiner Kindheit oder denen mit seinen Kindern.

Warum tue ich das noch immer, obwohl ich selbst so viele Kekse gar nicht essen kann – und auch nicht sollte, wie mich die Waage ständig belehrt? Zumal ich auch keine Familie habe, die ich eventuell mit Selbstgebackenem erfreuen könnte. Es ist einfach ein altes Ritual der Vorweihnachtszeit, und ganz sicher kein verhasstes. Seit ich ein Kind war, backe ich gern, ganz egal, ob Apfelkuchen, Brot oder Weihnachtskekse.

Natürlich erinnere ich mich im Zusammenhang mit meiner Herkunftsfamilie an das Gefühl kindlicher Vorfreude auf Weihnachten, das sich naturgemäß besonders mit den erhofften und gewünschten Geschenken verband. All das ist mit der Weihnachtsbäckerei eng verwoben. Der Geruch von frischem Backwerk in unserem Haus, das Werkeln in der Küche, während es draußen bereits dunkel geworden ist, vielleicht liegt draußen sogar etwas Schnee, dazu eventuell etwas adventliche Musik aus der 50er-Jahre-Musiktruhe. Stunden der Harmonie, an die ich keine wirklichen Erinnerungen habe, aber das Gefühl “so könnte es gewesen sein” hält sich hartnäckig. Zu einem großen Teil habe ich in der Vergangenheit auch immer die Rezepte gebacken, die ich aus dieser fernen Zeit kenne. Erst so nach und nach schleichen sich neue Rezepturen ein.

Aber etwas ganz Anderes schiebt sich ständig dazwischen und macht mich traurig. Ich sehe mich in meiner Würzburger Küche, an einem Samstag im Advent. Meine Tochter Luise hatte sich zur Weihnachtsbäckerei angemeldet, und so waren wir dabei, für die ganze Familie zu backen. Die Initiative dazu ging von ihr aus, denn zu Hause mochte keiner mit ihr backen. Auch damals glich die Küche nach kurzer Zeit einem Schlachthaus. Ich weiß noch, wie wir, wie die Verrückten, ein Teig nach dem Anderen rührten, etwas Neues ausprobierten und viel Freude daran hatten, dass alles recht gut gelang. Im Verlauf eines solchen Back-Tages entstanden auf diese Weise etwa acht verschiedene Plätzchen und bereits am Nachmittag tat mir der Rücken vom Stehen weh.

Ich setzte mich damals durch, indem ich sagte, dass wir erst fertig sind und Schluß machen werden, wenn alle Plätzchen auch fertig verziert sind. Dabei kann ich mich an köstliche Momente erinnern, wenn Luise den Lebkuchen-Männchen mit Hilfe von Zuckerguß und Eischnee BHs, String-Tangas und altmodische Unterhosen mit Eingriff verpasste, zumal sie besondere Freude daran hatte, den Zuckerguß mit bunten Farben abzumischen und am Schluß alles farbig klebte. Etwas weniger Begeisterung erzeugte ich mit der Vorgabe, dass wir auch noch alles abwaschen und aufräumen würden, bevor ich sie wieder nach Hause bringen würde, natürlich reich beladen mit Dosen voller Gebäck, die sie nun zu Robert und ihrer Mutter mitnahm, denn dort wurde wohl in der Regel keine Weihnachtsbäckerei praktiziert.

Soweit ich mich erinnere, haben wir zum letzten Mal vor elf oder zwölf Jahren miteinander gebacken, dabei so viel wie möglich geredet, was mit Luise nicht immer einfach war. Das mich traurig machende daran ist, dass gerade das emotional Verbindende dieser Weihnachtsbäckerei seither von nicht vorhandenem Kontakt und Sprachlosigkeit abgelöst wurde. Noch immer denke ich gerne an diese Momente zurück und spüre diese Verbundenheit nach wie vor. Ich hätte sie gerne zurück – wirklich und lebendig. Und wenn ich dann heute meinen Teig aussteche, denke ich besonders an meine Tochter und die schönen Zeiten, die wir zusammen gehabt haben. Und wünsche mir sehr, dass auch für sie diese Erinnerung positiv besetzt ist.

Und so ist die Weihnachtsbäckerei für mich doch ein liebenswertes Ritual, auf das ich nicht verzichten möchte.

Weihnachtsplätzchen

3 Gedanken zu „Weihnachtsplätzchen

  • 13. Dezember 2020 um 13:30
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    Ich habs ja schon mal geschrieben…”Matthias backt”, den neue Youtube Hit….
    Viel Spass weiterhin beim Backen und gutes Gelingen. Und Norbert hat Recht!!!
    LG, Inken

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  • 7. Dezember 2020 um 15:12
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    Schön, Deine Geschichte zum weihnachtlichen Backen zu lesen. Schöne und schmerzliche Erinnerungen reichen sich die Hände. Stelle die warmen und herzllichen in den Vordergrund, vielleicht erreichen sie die Seele Deiner Tochter! Ach ja, ich hab mich gerade an selbst gemachte Lebkuchen gewagt – sie geben sich gerade der Ofenwärme hin. Liebe Grüße und ich freue mich auf unser nächstes Skype-Treffen!!!

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  • 6. Dezember 2020 um 20:23
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    Hallo Matthias,
    nicht der Vergangenheit nachtrauern; sie ist vorbei. Gucke nach vorne und freue Dich an das Kommende. Backe doch weiterhin mit der/dem Unbekannten (wurde im Block nicht erwähnt) und habe dabei Spass.
    Ich freue mich auf ein paar schöne Stunden Anfang nächster Woche mit Dir.

    Dein Freund Norbert aus Berlin.

    P..S.: Gruß auch an die unbekannte Backpartner(in) – (Ute ?)

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