Ein ungewohntes Gefühl

Vor ein paar Wochen war ich für eine Nacht in Würzburg. Freunde von mir feierten ihre neue Küche und weihten sie mittels einer Küchenparty mit Freunden ein, dies war der Anlass. Und da es nicht immer so einfach ist, irgendwo eine Couch zum Übernachten zu finden, hatte ich ein günstiges Hotelzimmer organisiert. Nach dem morgendlichen Frühstück stand die Heimfahrt auf dem Programm, aber es gab keine Eile und so ließ ich mir Zeit.

Der Himmel war grau, es nieselte und die Reifen der vorbei fahrenden Autos schmatzten auf dem nassen Asphalt. Die Tasche war bereits fertig gepackt, aber ich war innerlich noch nicht fertig, selbst noch nicht abreisebereit. Irgendetwas hielt mich auf und wollte sich in mein Bewusstsein drängen. Und so lag ich, vollständig bekleidet, auf dem Bett des preiswerten Hotels im Norden von Würzburg und ließ meinen Blick durch das Fenster auf das Umfeld schweifen. Alles war mir durch die vielen Jahre meines Lebens in der Stadt gut bekannt: Das Kino, der Kulturspeicher, das daneben liegende Hotel. Auch die Straße war mir vertraut, mit schmuddeligen Häusern bebaut und vor allem immer stark befahren. Und so hat sie so gar nichts von dem Schönen, mit dem in der Regel die Stadt Würzburg assoziiert wird. Für mich ist es eine der hässlichsten Ecken der Stadt.

Und plötzlich sagte ich: Ich fühle mich hier unwohl, ich möchte nach Hause! Im selben Moment fiel mir auf, dass ich zwei wichtige Erkenntnisse für mich formuliert hatte. Zum einen fand ich es bemerkenswert, dass ich mich unwohl fühlte. Denn immerhin hatte ich mehr als dreißig Jahre in Würzburg gewohnt, wenn auch nicht in dieser Straße. Aber obwohl mir noch immer alles sehr vertraut ist und ich mich blind zurechtfinde, ist es nicht mein Zuhause, ist es vielleicht auch nie wirklich gewesen. Vielleicht war ich in diesen Jahren einfach bei mir selbst nicht zuhause. Zudem ist für mich die Zeit in Würzburg mit vielem Schweren emotional stark belastet. Und so bin ich sicher auch nicht frei vom Nachhall der Vergangenheit, der sich somit auf mein aktuelles Erleben der Stadt legt und das Bild trübt.

Insofern war mir die zweite Erkenntnis viel wichtiger. Ein ganz unerwartetes Gefühl, dass ich mich “nach Hause” sehne. Ich hatte das vorher noch nie so gesagt oder gedacht. Es bezog sich auf mein neues Leben in Rottweil, das sicher auch noch nicht perfekt ist. Ganz besonders sehnte ich mich nach meiner weitgehend fertig eingerichteten Wohnung, in der ich mich sehr wohl fühle,  auch nach dem noch immer sehr schmalen, sozialen Umfeld, das ich hier habe. Es machte mich fast glücklich, das entdeckt und gefühlt zu haben: Ich habe ein Zuhause!

Ein schönes, ungewohntes Gefühl.

Ein ungewohntes Gefühl

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