Aufgeweicht

Ich merkte es am zweiten Tag. Als unsere Gäste auf der ersten Wanderung waren und ich den Bus bis zur kleinen Kirche Santa Maria de Eunate fuhr. Dieser Ort hat eine besondere Ausstrahlung und war mir als einer der persönliche Höhepunkte meiner Wanderung vor neun Jahren noch deutlich in Erinnerung. Und so genoß ich die Ruhe dort und ging ganz allein um die Kirche herum, um die Erinnerungen zu wecken und die Gefühle zu spüren, die sich in den Fordergrund drängen würden. Es war schön, dass die Gäste eine Stunde bis zu diesem Kirchlein brauchten, sodass ich diese Zeit ganz still für mich erleben durfte.

Und so merkte ich, dass ich ein bisschen aufgeweicht bin. Viele Gefühle sind wieder da und jede Menge Erinnerungen nehme ich wahr, ich erkenne Orte wieder, an denen ich übernachtet, ein Bocadillo gegessen oder schwere Stunden verbracht habe. Ich hätte nicht gedacht, dass die Erinnerungen noch immer so stark sind. Ganz ähnlich ging es mir dann in Puente la Reina. Ich konnte noch die Intensität und den Geist meines Caminos von vor neun Jahren spüren.

Wie habe ich unsere Gäste beneidet, dass sie den heißen und staubigen Weg nach Calzadilla de la Cueza gehen durften und bis zum Knie vom Staub des Weges gezeichnet dort eintrafen, während ich den Bus dorthin bewegt hatte. Auch in der trockenen Hitze und der gleißenden Helligkeit von Fromista spürte ich es, auch in Leon und am Cruz de Ferro ganz besonders. Ich hatte damals ziemlich schwere Tage gehabt und von dort aus mit Maria telefoniert, trotz der enormen Telefongebühren. Und ich weiß noch, dass ich nahe am Heulen war und  dringend jemand brauchte, mit dem ich reden konnte und der mich verstehen würde. Auch sie kann sich noch an dieses Telefonat erinnern.

Ähnlich wie vor neun Jahren hat mich das letzte Stück des Weges am wenigsten berührt, auch Santiago nicht, von wo aus ich diesen Beitrag schreibe. Heute ist der Pausentag, den ich zwecks der Einhaltung der Vorschriften zu machen habe. Ich ging erst am frühen Nachmittag in die Innenstadt, ziellos durch die Gassen auf irgendeinem Weg zur Kathedrale, die ich zumindest einmal besuchen wollte. Ungewollt lief ich dabei einigen unserer Gäste in die Arme, die mich einluden, mit ihnen zu kommen. Shopping und Kaffeetrinken stand auf ihrem Programm. Und obwohl ich eigentlich wenig Lust dazu hatte, ging ich mit ihnen.

Auf dem Platz vor der Kathedrale saß eine junge Frau auf dem Boden und war hemmungslos am Weinen. Ich zögerte, ob ich ihr nicht Hilfe anbieten sollte, entschied mich aber dagegen. Auch meine Begleiter waren der Ansicht, dass sie in diesem Moment mit sich allein sein wollte. Vielleicht war sie emotional überwältigt von dem Erreichen des Ziels ihrer Wanderung. Wie gerne hätte ich sie umarmt! So kamen wir untereinander zu einem intensiven Gespräch und die bereits vorher im Bus aufgekommene Frage nach der Motivation kam erneut auf, was einen dazu bringt, den Jakobsweg zu laufen. Und obwohl es nicht ohne Risiko schien, von mir zu erzählen, habe ich ihnen von meiner Zeit mit den schweren Depressionen erzählt.

Und es passierte etwas ganz Großartiges. Diese Gäste, Teil der von mir gefahrenen Reisegruppe, erzählten plötzlich von ihrem Leben. Eine Frau hat vor einem Jahr ihren Mann an den Krebs verloren, die Andere ihren Mann nach schweren Depressionen durch Suizid. Beide erzählten mir unter Tränen aus ihrem Leben. Eine weitere Frau hat sichtbar eine schwere Erkrankung hinter sich. Und alle haben ihren Grund, sich vorsichtig auf den Weg zu machen, indem sie diese Busreise unternehmen, die sicherlich gegenüber dem Wandern auf 850 Kilometern Camino oberflächlich erscheint. Und doch sind wir alle miteinander auf dem Weg. Wir sind uns näher gekommen, sicherlich näher, als wir alle gedacht hatten, und dieses Gefühl ist geblieben. Ein Blick über den Tisch beim gemeinsamen Abendessen macht das deutlich. Was für eine Bereicherung!

Es hatte etwas ungeheuer Verbindendes, auf diese Weise in Kontakt zu kommen. Ich merkte es an den Augen, die wieder einmal brannten und die Tränen ankündigten. Und so stand ich heute Abend wieder vor der Kathedrale und hätte mir gewünscht, einfach weinen zu können, so wie die junge Frau am Nachmittag. Und könnte nicht einmal sagen, warum.

Aufgeweicht

Ein Gedanke zu „Aufgeweicht

  • 4. Juni 2019 um 11:14
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    Du erlebst eine spannende Zeit Matthias! Und ich freue mich schon jetzt, mehr über Deine Reise zu erfahren. Einiges habe ich auch Dir zu erzählen – von den unglaublichen Wochen auf Bali! LG Roland

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