Der Tisch oder das Glück

Seine glatte Oberfläche fühlt sich gut an, wenn meine Hand darüber fährt. Anders als bei furnierten Spanplatten wirkt das massive Eichenholz Vertrauen erweckend und ehrlich. Seine Mächtigkeit und Schwere sieht man ihm nicht an, denn die abgeschrägten Kanten lassen ihn filigraner erscheinen, als er ist. Und sein Untergestell aus Stahl hat eine angenehme Kühle, wirkt leicht und spiegelt den Boden, auf dem er steht. Ich habe seit einer Woche wieder einen Tisch, der diesen Namen auch verdient.

Über drei Monate habe ich für die Entscheidung benötigt, wie mein zukünftiger Tisch sein soll, ob als Einzellösung oder als Ensemble mit einer Eckbank. Und wie so oft habe ich mir die Entscheidung ordentlich schwer gemacht. Meist war es leichter, die Produkte auszuschließen, die definitiv nicht in Frage kamen, als welche zu finden, die ich mir vorstellen konnte. Und wie so oft war es auch hier: Tische, die mir auf Anhieb gefallen hätten, waren in einer Preislage, die ich mir nicht leisten kann oder will. So war ich oft ziemlich niedergeschlagen aus den diversen Möbelhäusern der Umgebung gekommen, meist im Besonderen unzufrieden mit meiner Unfähigkeit, mich für etwas zu entscheiden.

Vielleicht war aber auch die Zeit noch nicht reif gewesen, denn als ich wieder einmal durch das örtliche Möbelhaus schlenderte und zufällig stehen blieb, stand ich einfach vor ihm. Er hatte dort schon ziemlich lange gestanden, ich war aber nie diesen Gang entlang gegangen und so hatte ich ihn nicht wahrgenommen. Auch der Verkäufer, der mich bereits von vielen Besuchen kannte und daher wußte, dass ich auf der Suche nach einem Tisch war, hatte mich nie auf dieses Modell hingewiesen. Meine erste Reaktion war: Mensch, ist der schön! Dann zückte ich den Meterstab, den ich bei solchen Unternehmungen stets bei mir hatte, und maß seine Größe. Und als wäre es ein Zeichen, passte seine Größe sehr gut zu meiner Küche, in der ich ihn aufstellen wollte. Zudem war er als Ausstellungstück deutlich vergünstigt und sofort verfügbar. Zur Sicherheit reservierte ich ihn für mich und fuhr erfüllt nach Hause, um nochmals nachzumessen. Mit ziemlichem Herzklopfen kaufte ich ihn am Folgetag, zusammen mit vier verschiedenfarbigen, preislich heruntergesetzten Stühlen, auf die ich seit langem ein Auge geworfen hatte und sie mir ebenfalls hatte reservieren lassen.

Nachdem ihn die Möbelpacker hier nach meinem Wunsch abgestellt hatten, ihr Trinkgeld erhalten hatten und gegangen waren, musste ich erst einmal den ganzen Verpackungsmüll verräumen. Als wieder weitgehend Ordnung war und ich die Ruhe hatte, zum ersten Mal am Tisch zu sitzen, merkte ich, dass der Tisch nicht gut stand. Der Platz zum Sitzen war arg beengt und so kam es, dass ich den Tisch doch anders stellte, als ursprünglich gedacht. Die farbigen Stühle arrangierte ich so, wie ich es mir von Anfang an gedacht hatte. Und dann saß ich auf dem grünen Stuhl, an meinem Tisch. Und es passierte etwas ganz Merkwürdiges.

Ich saß am Tisch und hatte plötzlich Tränen in den Augen, und es wäre schwer geworden, irgend ein Wort herauszubringen, ohne dass dabei die Stimme gezittert hätte. Als ich wenig später zum Bäcker lief, um mir ein paar Brötchen zu kaufen, standen mir bereits wieder Tränen in den Augen. Ich bereitete mir mein erstes Essen, das ich an meinem neuen Tisch essen würde. Und dann wurde mir bewusst, dass es eine riesige Freude und ein überwältigendes Glücksgefühl war, das sich meiner bemächtigt hatte. Es war so stark, dass ich den Rest des Tages spüren konnte, dass es noch in mir war, auch wenn die Tränen in den Augen nach einer Stunde weniger geworden waren.

Ein Tisch ist ein Tisch, nichts anderes, ein nützlicher, jedoch toter Gegenstand. Aus einem inneren Bedürfnis heraus habe ich ihn im Rahmen meiner Möglichkeiten schön eingedeckt. Ich hätte nie geglaubt, dass es mir soviel bedeuten würde, wieder einen Eßtisch zu haben. Aber mir wurde auch klar, dass seine Bedeutung weit über seine tatsächliche Funktion hinausgeht. Er bedeutet für mich, wieder ein bisschen mehr angekommen zu sein, hier und bei mir selbst. Er eröffnet mir auch wieder die Möglichkeit, zukünftig wieder mit netten Menschen bei einem Wein zusammen zu sitzen, in fröhlicher Runde zusammen zu essen und über die Welt zu philosophieren. Dazu kommt noch die Erfahrung, dass es richtig gewesen war, so lange zu warten, bis ich meinen Tisch tatsächlich gefunden habe (oder er mich) und ich mich nicht dazu habe hinreißen lassen, einen faulen Kompromiss mit mir einzugehen, mit dem ich langfristig nicht glücklich geworden wäre.

Und so habe ich durch einen Tisch das Glück erlebt.

 

Der Tisch oder das Glück

Ein Gedanke zu „Der Tisch oder das Glück

  • 12. Februar 2019 um 23:48
    Permalink

    Ein Tisch ist eben nicht nur ein Tisch. Er ist Geselligkeit. Nicht umsonst ruft man ja zu Tisch.
    Es freut mich, dass Du Deinen Tisch gefunden hast und freue mich wenn Du zu Selbigem rufen wirst 😊

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