Forrester-Pass

Der Forrester-Pass ist die höchste Erhebung, die man auf dem PCT passiert. Er liegt auf 4023 m Höhe. Und er stand auf unserem Programm für den Folgetag. Den Mount Whitney, die höchste Erhebung in den USA außerhalb Alaskas, hatten wir bereits am Vortag ausgelassen. Unser Nachtquartier war zwar trocken und bärenfrei gewesen, jedoch waren die außerhalb des Zeltes abgestellten Schuhe und Socken am Morgen steif gefroren. Steige mal jemand in gefrorene Schuhe! Es ist eine Garantie für kalte Füße.

Beim Anstieg auf das Hochplateau war ich wieder der Langsamste. Florian blieb wieder bei mir, sprach mir Mut zu, ertrug gelassen meine häufigen Pausen und half mir, unbeschadet über die Schneewüsten zu kommen. Und ich gestand ihm ehrlich ein, dass ich Angst hätte, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Zudem merkte ich, wie sehr mir die Höhe zu schaffen machte. Unser Nachtquartier hatte auf etwa 3600 m Höhe gelegen. Ich merkte leichten Schwindel und ein merkwürdiges Herzklopfen während des Anstiegs.

Als wir uns der Passhöhe näherten, die sicher noch 300 m über uns lag, standen wir vor einer vereisten Schneefläche, die mit etwa 45-60° Steigung vor uns aufragte. Diese zu bewältigen war jetzt die Aufgabe, etwas, was ich mir in Deutschland aus Sicherheitsgründen nicht vorstellen kann. Wir beschlossen, jeweils gesichert durch die Eisaxt, uns in den Fußstapfen anderer Wanderer hochzuarbeiten. Und während ich vorher an meinen Möglichkeiten gezweifelt hatte, fiel mir das ziemlich leicht. Zu meiner Sicherheit schaute ich nicht nach unten, auch nicht nach oben, sondern nur in die vor mir liegende, nächste Fußspur. Bedingt durch den Umstand, dass wir bereits um 5:00 Uhr morgens losmarschiert waren, schien die Sonne noch nicht auf dieses Schneefeld, sodass der gefrorene Schnee einen sicheren Halt ermöglichte. Drei Wanderer aus unserer Gruppe hatten jedoch erhebliche Schwierigkeiten mit der Angst, die eine, mir unbekannte Hikerin, musste teils geführt werden und zitterte am ganzen Leib.

Unvorstellbar, was hätte passieren können, wenn eine Person abgerutscht wäre. Sie hätte im herabgleiten alle folgenden Wanderer mitgerissen. Und so war ich heilfroh, als wir alle oben auf dem teilweise schneefreien Weg angekommen waren. Von dort aus ging es mit relativ normaler Steigung im Zickzack weiter aufwärts, bis wir an einem fast senkrecht abfallenden Schneefeld angekommen waren. Von diesem Schneefeld wusste ich bereits aus dem Internet, es musste jetzt überquert werden. Und es empfahl sich, nicht darüber nachzudenken, wie tief es abwärts ginge, würde man fallen. Florian war wieder der erste, der die Überquerung testete, damit alle sehen, dass es auch geht.

Nacheinander überquerten wir alle dieses Schneefeld. Wiederum wurden die mental Schwächeren in der Gruppe von einem routinierten Hiker geführt, ich beschloss erneut, es eigenständig zu schaffen. Und schaffte es auch sicher. Danach waren es nur noch wenige Meter bis zur Passhöhe. Wir waren alle sehr sehr stolz auf unsere Leistung und beglückwünschten uns gegenseitig. Meine Sonnenbrille machte es unsichtbar, wie sehr ich dem Weinen nahe war, weil ungewohnt heftige Emotionen in mir aufgewallt waren. Der Wind auf der Passhöhe war sehr heftig und eiskalt. Ich war der einzige, der in kurzen Hosen unterwegs war. Aber die winddichte Regenjacke schützte wenigstens den Oberkörper vor diesem Wind. Natürlich machten wir gegenseitig Bilder auf der Passhöhe, als Dokument unsere Leistung.

Nun ging es von der Passhöhe wieder abwärts. Die Nord-Ost-Seite, der Bergrücken, war fast völlig von Schnee bedeckt. Und da der Weg abwärts führen sollte, nutzten wir zunehmend die Möglichkeit, auf dem Hosenboden den Berg herunterzurutschen. Dies jedoch nur dort, wo es sicher war. Ich machte das auch, allerdings ohne Regenhose, die zu tief in meinem Rucksack verpackt war. So holte ich mir regelmäßig und immer wieder einen nassen Hintern.

Auf diese Weise schafften wir die geplante Tagesstrecke von acht Meilen und begannen etwa gegen 16:00 Uhr, uns nach einem Platz für die Nacht umzusehen. Dies stellte sich als relativ schwierig heraus, weil die meisten Flächen mit Schnee bedeckt waren und das Tal eng war und einen reißenden Fluss in der Mitte hatte. Und es gab Diskussionen, weil mehrere Teilnehmer der Gruppe sehr unterschiedliche Vorstellung von dem erhofften Platz hatten. Als wir endlich fündig geworden waren, bauten wir die Zelte auf und aßen wieder gemeinschaftlich zu Abend. Und weil es wiederum sehr sehr kalt war, nahm ich die Schuhe und Socken, die noch immer nass waren, mit ins Zelt, damit sie nicht am nächsten Morgen wieder gefroren wären. Weil mir ebenfalls sehr kalt war, verschwand ich bereits gegen 18:00 Uhr im Zelt. Was für ein Tag!

Forrester-Pass

Ein Gedanke zu „Forrester-Pass

  • 11. Juni 2017 um 16:21
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    Lieber Matthias, meinen vollen Respekt, ich würde das nie durchstehen, wäre mir viel zu anstrengend.
    Schön, dass Du die Hilfe Anderer annimmst, ist bestimmt dann auch schöner im Team zu Laufen.
    Dir weiterhin gutes Durchhalten, bleib unverletzt, denk an Dich, Bussi, Inken

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