Trauer

Während des letzten Klinikaufenthaltes gab es eine für mich besonders bewegende Gruppenstunde. Unter der Anleitung der Oberärztin kamen wir auf das Thema Vergebung zu sprechen. Für mich war dieser Begriff irgendwie unerträglich, weil er stets vermischt war mit religiöser Erziehung, dem Gedanken von Schuld und der Geschichte von der zweiten Wange. Ich wollte einfach nicht vergeben, jedenfalls nicht die vielen, ganz schweren Wunden, die ich abbekommen hatte. Unsere Therapeutin jedoch führte aus, dass es bei der Vergebung, wie sie sie versteht, nicht darum geht, etwas für einen Anderen zu machen. Vergebung tun wir für uns selbst, so die Quintessenz, um etwas abschliessen zu können. Sie wies aber auch auf die Voraussetzungen für diese Vergebung hin. Es wäre dafür notwendig, sich den angemessenen Raum für Wut und Trauer zu nehmen. Das hatte ich so noch nie gehört.

Ich habe nie getrauert, jedenfalls kommt es mir so vor. Es beginnt schon damit, dass ich die Möglichkeit zu weinen nicht mehr habe, ich habe sie mir abtrainiert. Als ich noch in meiner Herkunftsfamilie lebte, wäre das Weinen – als Zeichen von Trauer –  ja ein Ausdruck von Gefühlen gewesen, die zuzulassen mich angreifbar gemacht hätte. Man hätte sehen können, dass ich mich verletzt fühlte, hätte Genugtuung zeigen und mich als Waschlappen abtun und klein machen können. So trainierte ich mir mühsam eine Maske der Undurchdringlichkeit und stoischer Gleichgültigkeit an, um meinem Gegenüber diese Genugtuung nicht zu ermöglichen. Bloß keine Gefühle zeigen…. Und die Trauer? Sie wurde durch Zorn und Groll ersetzt, eine latente Vergiftung des Gemüts, das Gegenteil von Vergebung.

Und so lasse ich das Leben über mich hinweg gehen. Ich trauerte nicht, als meine Mutter starb, auch nicht, als mein Vater starb. Ich trauerte nicht, als mein Betrieb den Bach herunter ging, als meine Ehe scheiterte, als meine Kinder mich zunehmend ablehnten. Einfach alle Gefühle abschalten. „Keep calm and carry on“ – genau so habe ich mich verhalten. Und bin darüber krank geworden. Ein lebloses Leben, wenn es das geben kann. Am Tiefpunkt im Jahr 2007, als ich in Werneck war, wollte ich es auch nicht mehr länger leben. Seit damals spüre ich immer mehr, welchen Mangel ich mir selbst damit zugemutet habe. Ich habe es seither besonders gespürt, wenn ich mich verlieben konnte, genau zweimal. Und habe versucht, die Trauer zuzulassen, als die Beziehungen zu Ende gingen.

Gestern habe ich die riesige Trauer gespürt, die ich mit mir herumtrage. Ich habe beim Einpacken alte Briefe gefunden und nach dem Kriterium sortiert, welche davon ich aufheben wollte. Es waren viele Briefe meiner Exfrau dabei, von meiner letzten Freundin einige und ganz viele von ganz unterschiedlichen Menschen. Einige habe ich gelesen. Und dann…. dann merkte ich, wie sehr die Trauer über die gescheiterte Ehe hoch kam. Über die verlorene Nähe, den fehlenden Kontakt zu meinen Kindern, von denen nur jeweils ein Brief vorlag. Lange bin ich nicht mehr so nah an den Tränen gewesen. Und ich bin ehrlich, ich habe mir den angemessenen Raum für die Trauer nicht genommen, konnte ihn mir nicht nehmen angesichts der vielen Dinge, die ich noch vor dem Start des PCT erledigen muss.

Ich werde die Trauer also auf den staubigen Weg mitnehmen, auf dem zur Zeit bereits über 25° C sind. Ich weiß noch nicht, wie ich das machen kann, wie ich es wieder lernen kann, meinem Gefühl von großer Traurigkeit Ausdruck zu verleihen. Aber ich will es versuchen. Auch die Trauer ist einer meiner Schatten, der mir treu folgen wird, wohin ich auch gehe. Und ich spüre, dass der Zeitpunkt nahe ist, wo ich innehalten, mich langsam umdrehen und mich diesem Schatten stellen werde. Ich werde mir die Zeit nehmen, das Gute zu würdigen, das ich erlebt habe, und über das Verlorene zu weinen. Und werde versuchen, für mich eine Vergebung zu finden und einen Abschluss des Alten. Um die Hände frei zu haben für das Neue.

Trauer

Ein Gedanke zu „Trauer

  • 21. März 2017 um 9:11
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    Respekt für so viel Mut und Ehrlichkeit! <3

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