Zweierlei Maas

Kürzlich habe ich über Fehler geschrieben und darüber, dass es mir so schwer fällt, mir einen Solchen zu verzeihen. Aktuell ging es dabei um einen Fahrfehler mit dem Bus. Es passierte, als ich zum zweiten Mal durch den kleinen Ort El Acebo fahren musste. Dieser liegt auf dem Jakobsweg, etwa zehn Kilometer nach dem Cruz de Ferro. Man erreicht ihn auf der einzigen Straße mittels einer Wendung, die fast 180° Grad umfasst. Jedesmal, wenn ich diese Stelle mit dem Bus erreichte, kam mir ein Auto entgegen. Und jedesmal bedeutete es großen Streß für mich, den Bus auf der ansteigenden Straße soweit zurückzusetzen, damit das Auto den für mich notwendigen Platz freimachen konnte.

Beim ersten Mal bin ich glatt durchgekommen, alle Gäste waren durch den Reiseleiter aufgefordert worden, auszusteigen, um die Durchfahrt durch die sehr enge Hauptstraße von aussen zu genießen. Beim zweiten Mal wollte der andere Reiseleiter dies nicht, es hätte seiner Meinung nach zu viel Zeit in Anspruch genommen. Also rollte ich diesmal mit voller Beladung durch den Ort und an der engsten Stelle entstand ein Kontakt mit einem Balkon. Ich hatte sofort gestoppt, und als ich rückwärts aus der Gefahrenzone fahren wollte, rollte der Buss noch einige Zentimeter nach vorn, ehe der Rückwärtsgang zupackte. Und diese Zentimeter waren für die letzte Scheibe zuviel, sie zerbrach in tausend Splitter, allerdings – zu meinem Glück – nur die Außenscheibe.

Für mich eine doppelt peinliche Situation. Zum Einen mit allen Kunden im Bus, zum Anderen hatte ich mir ja vorgenommen, dass es diesmal ganz ohne Schäden am Fahrzeug abgehen sollte. Und die Reste der Scheibe zur Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer heraus zu schlagen, während alle Gäste dabei zuschauen, trug auch nicht dazu bei, dass ich mich gut fühlen konnte. Dem Balkon ist nichts geschehen, der Hausbesitzer meinte ganz gelassen zu unserem Bordsteward, dass es in dieser Woche der fünfte Bus war, der dort hängen geblieben sei….. Ich hatte ziemlich zu kauen an dem Schuldgefühl und den inneren Vorwürfen. Wieder nicht gut genug gewesen – das nagte an mir, über mehrere Tage hinweg. Und es fiel mir eben sehr schwer, mir diesen Fahrfehler zu verzeihen.

Vor drei Tagen habe ich wieder einen Fehler gemacht. Diesmal war es am Flughafen in Bilbao, wohin wir unsere Gruppe für den Rückflug gebracht hatten. Die Stimmung war ziemlich gut, wir hatten auf dem Weg dorthin noch einen Sekt-Umtrunk veranstaltet und ein Ständchen zum Geburtstag gesungen. Und alle schienen zufrieden und freuten sich auf den Heimweg. Inzwischen hatte ich auch alle Koffer ausgeladen und wollte mit meinen Gästen zum Einchecken gehen, um mich von ihnen zu verabschieden. Hinter uns stand ein Stadtbus, der wegen der geöffneten Gepäckklappe meines Busses nicht weiterfahren konnte. Und so fühlte ich mich ziemlich unter Druck, möglichst schnell die große Klappe zu schließen, um nicht länger eine Behinderung darzustellen.

Und knallte mir die Ecke der Klappe mit aller Kraft an den Kopf! Mit der linken Hand hielt ich mir den Kopf, mit der Rechten vollendete ich den Vorgang, der ziemlich viel Kraft erfordert. Als ich die Linke vom Kopf nahm, tropfte bereits Blut herab und lief mir über die Stirn. Sicherlich sah ich ziemlich wild aus, die Gäste warteten ja auf mich auf dem Platz vor dem Bus und sahen nun einen rennenden, blutenden Busfahrer, der schnell aus dem Bus ein Küchentuch holte und sich damit die blutende Stirn reinigte, danach die Hände wusch – es war ja alles blutig. Aber es war alles schnell wieder unter Kontrolle, es half ein schnelles Pflaster und die Küchenrolle, sodass ich mich angemessen von meinen Gästen verabschieden konnte, ohne dass es peinlich war. Nun habe ich vom Haaransatz bis über die Stirn einen Riß von etwa fünf Zentimetern Länge, der langsam heilt.

Zwei Fehler – und doch ein vollkommen unterschiedlicher Umgang damit. Seitdem das passiert ist, habe ich, neben den Kopfschmerzen, intensiv darüber nachgedacht. Und inzwischen ist mir der Unterschied klargeworden. Beim ersten Mal habe ich jemand Anderem einen Schaden zugefügt, beim zweiten Mal nur mir selbst. Und mir wurde damit wieder einmal klar, wie ich mich tatsächlich behandele und welchen Wert ich mir selbst beimesse. Es ist eigentlich furchtbar, dass ich mich unterbewußt für weniger wert halte, als eine Glasscheibe, dass eine Verletzung nichts bedeutet. Und natürlich hätte ich ziemlich viel dafür gegeben, die Scheibe reparieren zu lassen, wogegen mir ein Arztbesuch überflüssig schien und ich nach vielleicht einer halben Stunde wieder am Steuer saß, um den Transfer nach Frankreich zu beginnen.

Ich bin bei diesem Thema noch nicht wirklich vorangekommen auf meinem Weg. Mein eigener Wert….

Zweierlei Maas

4 Gedanken zu „Zweierlei Maas

  • 30. Juni 2019 um 21:19 Uhr
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    Lieber Matthias. Hoffe deinem Kopf geht es wieder gut. Stell dein Licht nicht immer unter den Scheffel! Du bist sooooo wertvoll! LG, Inken

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  • 26. Juni 2019 um 19:24 Uhr
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    So wie ich das sehe warst Du bemüht zu verhindern, dass ein anderer (der Fahrer des Stadtbusses) auf Dich warten muß. Das wurde für Dich zu einer Streßsituation mit der unbedachten Aktion Deinerseits und Deiner Verletzung. Zum 1.: Du wolltest EINE Person nicht warten lassen und hast dafür die ganze Belegschaft des Busse warten lassen müssen, um die blutende Wunde zu versorgen. Zum 2.: frage Dich mal, wie oft DICH jemand hat warten lassen und Du hast dies ruhig hingenommen. Ich bin überzeugt, dass jeder, der am Flughafen oder Hauptbahnhof o.ä. verkehrt, sich darüber im Klaren ist, das es mal zu kurzen Wartezeiten kommen kann, auch ein Fahrer eines Stadtbusses. Bitte vermeide solchen Streß in Zukunft, denn der beschädigt Dich mehr als ein Kratzer am Kopf. Nimm Dir die nötige Zeit und achte auf DICH.
    Liebe Grüße
    Deine Schwester

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  • 24. Juni 2019 um 23:53 Uhr
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    Lieber Matthias, was hättest Du jemanden gesagt und für ihn getan, der in Deiner Lage gewesen wäre? Begegne Dir mit demselben Mitgefühl wie anderen. Gehe einfühlsam und liebevoll mit Dir um. Dazu gehört auch ein Arztbesuch!

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  • 24. Juni 2019 um 19:56 Uhr
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    … Die Menschen die Dich gut kennen halten Dich alle für sehr „wertwürdig“. Schneide Dir davon doch mal ein Stück ab! Freue mich schon auf unser nächstes Sype-Treffen!!!!

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