Ein positives Gefühl

Nach langer Zeit telefonierte ich gestern einmal wieder mit einem guten Freund aus Berlin. Wir haben sicher sechs Wochen lang nichts mehr von einander gehört. Und so tauschten wir erst einmal die Neuigkeiten aus, die zwangsläufig deutlich von Corona geprägt waren. Auf diese Weise haben wir sicher dreißig Minuten gefüllt, obwohl mir das Thema sehr zum Halse heraushängt.

Dann versuchte ich, quasi als Gegengewicht zu den schlechten Meldungen dieser Tage, von all den kleinen, schönen und fast unscheinbaren Dingen zu berichten, die ich gesehen habe, wenn ich mit dem Bus zwischen Trossingen und Tuttlingen hin und her fahre. Über vieles habe ich hier bereits berichtet, zum Beispiel über die Störche, das Alpenpanorama und den beginnenden Frühling. Als letztes erwähnte ich in der Aufzählung der positiven Dinge, die mir begegnet sind, dass ich tags zuvor nach Hause kam und die Leere der Wohnung und die Abwesenheit meiner Freundin schmerzhaft spürte.

Mein Freund war daraufhin sehr erstaunt, dass ich diese Wahrnehmung als positiv verbuchte und widersprach mir. Und zwang mich auf diese Weise, darüber nachzudenken, warum das für mich so war. Ich bin noch während unseres Gesprächs darauf gekommen und es war wieder einmal ein Moment großer Klarheit, für den ich sehr dankbar bin.

Natürlich ist es schmerzhaft, einen Menschen zu vermissen, es ist nicht schön. Aber gleichzeitig sagt es doch etwas über mich aus, nämlich wie ich zu dem Menschen stehe. In dem Schmerz der Abwesenheit zeigt sich meine Wertschätzung ihm gegenüber, wird sichtbar, wie viel diese Person mir bedeutet und wie gern ich mit ihr mein Leben teile. Ist es nicht ein positives Gefühl, festzustellen, dass mir ein Mensch so wichtig und wertvoll ist? Ist es nicht eine wunderbare Erkenntnis, für die ich mir sonst, im Alltag, vielleicht nicht ausreichend Zeit genommen habe? Hat es nicht auch mit Glück zu tun, dies wahrzunehmen?

Hat es!

Ein positives Gefühl

Ein Gedanke zu „Ein positives Gefühl

  • 24. März 2020 um 14:33 Uhr
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    Mein Herz geht immer wieder auf, von Dir zu lesen. Bist weiter auf dem guten Weg und der Blog erlaubt uns Lesern, so weit dabei zu sein, wie Du es zulässt. Danke und: Möge die Qual wohldosiert sein, die bei jeder Wanderung zeitweilig zugegen ist. Sie erleichtert zuweilen das Wahrhaben des Glückes, wie Du ja weißt 😉 (s.o.).

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