Manchmal braucht es einen Warnschuss. Die Polizei setzt ihn bisweilen ein, um eine drohende Eskalation zu vermeiden. Er soll eine Person warnen, eine Handlung fortzusetzen, die nicht gut ist, für sie selbst oder auch für die Gesellschaft nicht. Einen solchen Warnschuss habe ich gerade erhalten!
Wenn ich arbeite, höre ich auf, mein eigenes Wohlergehen und meine Grenzen zu achten. Es kann dann vorkommen, dass ich nichts esse oder trinke und über jede vertretbare Grenze hinaus meine Arbeitszeit ausdehne. Ich versuche stets, schnell und präzise zu arbeiten und setze das Pensum, das ich schaffen will, extrem hoch an. Knappe Termine sind für mich normal, auch wenn ich es bin, der sie festlegt und ich es hätte anders machen dürfen. Und das war schon so, als ich noch als angestellter Fotograf in Würzburg tätig war, vielmehr noch als Selbständiger mit meinem Studio. Ich erinnere mich an ein Auftrag, in dessen Verlauf mein jetziger Freund und damaliger Assistent Michael, an die Wand des Teppichgeschäfts gelehnt, langsam herunter auf den Boden rutschte, weil er nicht mehr konnte. Wir waren nachts gestartet und hatten bis zum Nachmittag durchgearbeitet, ohne Pause oder Nahrung. Mir war das gar nicht aufgefallen!
Ganz ähnlich war es, als ich in den USA wandern war. Und das war ja nicht einmal eine Arbeit! Trotzdem musste ich ein für mich scheinbar wichtiges Tagespensum leisten, und das Essen spielte nur eine untergeordnete Rolle, bis ich an die Grenze kam, wo der Körper schlapp machte. Als ich meine fotografische Bildstrecke in Canfranc aufnahm, warf mir der Kollege (zutreffend) vor, ich würde das ganze wie einen Job angehen. Für ihn war es Urlaub und Entspannung!
Nun bin ich mit Leib und Seele Busfahrer geworden. Mein Arbeitstag beginnt mit dem Frühstück, bei dem ich mich bereits nach dem Wohlbefinden meiner Gäste erkundige und meist zusammen mit Ihnen im Gespräch bin. Dann führe ich das Reiseprogramm durch, welches aus Besichtigungen, Wanderungen oder auch Fahren bestehen kann. Und der Tag endet dann mit dem gemeinschaftlichen Abendessen, mit Smalltalk und Wein. An der Versorgung mit Nahrung scheitert es also nicht.
In der Zeit von Mitte August bis Mitte Oktober habe ich jedoch fast keine freien Tage mehr gehabt. Meist hatte ich einen Tag zwischen den Reisen, um meinen Koffen umzupacken und den Bus auf die nächste Reise vorzubereiten. Und je länger das dauerte, umso mehr merkte ich, dass ich ungeduldiger, reizbarer und viel weniger der Busfahrer wurde, der ich normalerweise bin und gerne sein möchte. Dazu kam eine bleierne Müdigkeit und stetige Erkältungssymptome. Am Schluss habe ich all diese Zeichen in einen Zusammenhang gebracht und meinen Disponenten gebeten, mit die folgende Fahrt aus dem Dienstplan zu nehmen, um mit die notwendige Zeit zu Regeneration zu ermöglichen.
So ergaben sich freie Tage, mit denen ich meine Übertage und den aufgelaufenen Urlaub von 2025 abbauen würde, ganze fünf Wochen. Für diese Zeit hatte ich mich bereit erklärt, gelegentlich anfallende Tätigkeiten auf dem Betriebshof zu erledigen, meist kurze Einsätze, z.B. den Reifenwechsel bei einem der Busse durchführen lassen. Nicht unwesentlich war dabei auch der Gedanke, den ebenfalls ziemlich geforderten Kollegen ein wenig zu entlasten.
Am vergangenen Montag gönnte ich mir mal wieder eine Therapiestunde mit meinem Therapeuten aus der Klinik, diesmal allerdings per Video, aufgrund der großen Entfernung nach Unterfranken. Ich erzählte von dem zunehmenden Gefühl des Erschöpftseins nach der langen Zeit ununterbrochenen Reisens der vergangenen Monate. Und wir kamen gemeinsam zu der Erkenntnis, dass es Zeit ist, mehr auf mich zu achten und für mich Grenzen zu ziehen, die deutlich mehr Freiraum für Ruhe in meinem Leben schaffen. Gleichzeitig wollte ich ein Umdenken etablieren, damit die Arbeit, egal welche, nicht mehr derartig mein Denken und Handeln dominiert.
Zwei Tage später fuhr ich wieder eine Bus zum Reifenwechsel. Der Termin war der früheste beim Reifenhändler, vorher musste ich noch die Winterreifen aus dem Lager im Keller holen. Nach dem Wechsel der Reifen fuhr ich einige Kilometer, ließ dann die Radmuttern nachziehen und brachte die Sommerreifen wieder ins Lager. Dann wollte ich mich noch um einige kleine Defekte kümmern, immer in Absprache mit dem Fuhrparkleiter, der mich bat, auch noch neue Autobatterien vom Händler abzuholen. Abschließend wollte ich noch bei Obi eine Knopfzelle für den Zündschlüssel des Busses beschaffen, damit auch diese lästige Störungsmeldung endlich abgestellt wäre. Gleichzeitig spürte ich den Zeitdruck, denn ich hatte noch einen Termin mit dem Elektriker in meiner Wohnung und die Zeit wurde knapp….
Jetzt liege ich mit dem gebrochenen Bein zuhause und werde wohl bis zum Jahresende nicht mehr auf Reisen sein. Die spannende Reise nach Marokko verpasse ich daher auf jeden Fall. Ich bin zu einer Art Unbeweglichkeit verdonnert, auf Krücken und mit einem Stützschuh am Bein. Und mich drückt die Unmöglichkeit, all das zu erledigen, was ich mir vorgenommen hatte. Aus dem Rennen ist Stillstand geworden!
Für mich wird es immer klarer, dass ich einen Warnschuss erlebte. Gerne hätte ich ihn nicht gebraucht, aber das war scheinbar bei meiner inneren Programmierung nicht möglich. Und auch jetzt, nach dieser Warnung, schaffte ich es, dass mir flimmernd weiß vor den Augen wurde, weil ich den ganzen Tag nichts gegessen und getrunken hatte. Ich hatte wiederum nicht auf mich gehört, obwohl die Erkenntnis doch deutlich herausgearbeitet war.
Wie setzte ich die Erkenntnis in die Tat um, damit es einen solchen Warnschuss nicht mehr braucht?

Es gibt „scheinbar“ nur ein Aussen … eine Aussenwelt, die mit meinem Körper beginnt .. und die für uns sichtbar ist … und doch gibt es auch ein „InnenLeben“ … das sind meine Gedanken, meine Gefühle … meine Wünsche … irgendwie gehört mein Körper auch dazu, aber auch wieder nicht … wenn wir ganz genau hinschauen.
Aber für das NachInnenSchauen braucht es keine Körperaugen … nur ein geistiges Sehen …
Es scheint einen Grenzbereich zu geben, wo das eine in das andere übergeht … und umgekehrt … wo es nicht so genau auszumachen ist, wo beginnt denn das Aussen … (diese Aussenwelt) … und wo das Innen … (die Innwelt … der Gedanken etc) …
Wenn unser Leben … das körperliche meine ich … zu Ende geht … werden wir nach Innen gehen … und der letzte Atemzug des Körpers wird sein Ende bekunden … und dann bleibt er in der Aussenwelt … bekommt einen großen Sarg oder eine kleine Urne … der- oder diejenige, die mit dem sich bewegenden Körper „unterwegs“ waren in der (Aussen-) Welt … ihn mit einem Namen riefen … begleiten ihn und tun in die Erde verbuddeln … doch wo ist das… oder der … oder die … geblieben, das diesen Körper bewegt hat …
Manchmal ist sie als eine der wenigen Frauen auch Bus gefahren … manchmal bis nach Marokko … und die Afrikaner haben „Bauklötze“ gestaunt …farbige natürlich … ganz bunte … wie die Gewürze …
DAS … den Körper bewegende … der Geist … geht nach Innen weg …
Und die Aussenwelt ist kein Thema mehr für ihn … ! … oder doch … ? … Wie wird DAS „nach Innen weggehen“ … wie wird DAS … „Danach“ der Aussenwelt … sein … ? … gehen wir einfach weiter …
? … und gehen … und gehen .. ? … ABER … vielleicht fliegen wir ja auch … oder noch was ganz anderes …
Aber, lieber Matthias, damit sage ich dir bestimmt nix neues … nur sind wir von dieser Aussenwelt oft so sehr fasziniert … oder auch geblendet … dass wir nix mehr sehen … obwohl wir ganz weite Reisen machen … und ich finde es sehr schade, dass du Marokko jetzt nicht wirst sehen können … aber vielleicht ein anderes Mal … und in einer mehr entspannten Atmosphäre …
Wie geht das: zusammen … ? … InnenWelt und AussenWelt .. ? …
Aus meiner Erfahrung geht das … !… nur ist es anders, als nur „in der Aussenwelt“ zu sein … da scheint es wohl Grenzen zu geben … auch für den Körper, der bewegt wird …
Yoshua