Urlaubsreif

Stellt man die nicht ganz ernst gemeinte Frage, was denn der beste oder geilste Job der Welt wäre, so lautet zur allgemeinen Überraschung die Antwort: LKW-Fahrer. Die notwendige Erklärung für diese Lösung ist dann, dass dieser ja den ganzen Tag vor seinem Bett sitzen und zum Fenster heraus schauen kann. Natürlich ist das nur auf den Fernverkehr anwendbar und auch sonst ziemlicher Unfug.

Nun sitze ich während meiner Tätigkeit auch auf einem ziemlich bequemen Sitz (beheizbar und mit Belüftung) und schaue zum Fenster heraus, den ganzen Tag. Und zu meiner Überraschung ist das Linienbusfahren viel anstrengender, als ich es mir vorgestellt habe. Nicht, dass ich körperlich ins Schwitzen geraten würde, eher ist es die Sonne, die mich zunehmend zum Transpirieren bringt. Hinter der Scheibe wird es auch warm, wenn draußen noch Minusgrade sind, so wie zur Zeit.

Aber viel anstrengender ist die andauernde, hundertprozentige Konzentration, die notwendig ist, um fehlerfrei die meist 200 Kilometer meiner Touren zu bestehen. Es sind ja nicht nur die normalen Verkehrsregeln, die es zu beachten gilt. Ganz besonders lösen Kinder an der Hand ihrer Eltern bei mir Stress aus, wenn sie gegen alle Vernunft straßenseitig auf den schmalen Bürgersteigen laufen. Auch Radfahrer, die ja inzwischen mit erheblichem Abstand zu überholen sind, erfordern besondere Aufmerksamkeit, speziell, wenn eine gewisse Unsicherheit beim Beherrschen des Rades spürbar ist. Oder die Fußgänger, die zwischen den Autos auf die Straße treten und weder nach rechts oder nach links schauen. Zu meinem Glück habe ich inzwischen ein Fahrsicherheitstraining absolviert, in dessen Verlauf ich diverse Vollbremsungen erprobt habe. Und ich hoffe sehr, dass ich diese Fähigkeit nicht irgendwann einmal mit einem vollen Bus einsetzen muss.

Auch der normale Dienst laugt mich spürbar aus, das Kassieren und Kontrollieren der Fahrkarten, die Auskünfte und die kleinen Ärgernisse mit den Fahrgästen. Die Rücksichts- und Gedankenlosigkeit der anderen Verkehrsteilnehmer, die keine Vorstellung haben, wie es mit einem Bus in dichten Verkehr ist, geht mir auf die Nerven. Zudem bin ich ja Arbeitnehmer und habe auch noch Kollegen und Vorgesetzte, mit denen der Umgang auch nicht immer reibungslos verläuft.

Mir fehlt dazu die Abwechslung der Strecken und das intensivere Zusammensein mit Menschen, wie ich es auf den verschiedenen Reisen erlebt habe. Besonders fehlt mir aber das Fahren auf den langen Strecken, mit dem Blick zum Fenster heraus in eine Landschaft, die sich ständig ändert und stets etwas Neues für das Auge bietet. Ich bin eben gerne unterwegs.

So merkte ich, dass ich zunehmend reizbarer und ungeduldiger geworden bin, besonders unter dem Einfluß der vielen Stunden, die ich weit über das jeweilige Monatssoll hinaus gearbeitet habe. Ich bin müde – innerlich und oft auch ganz reell. Und mir wird klar, dass ich endlich mal wieder raus aus dem Alltagstrott muss, etwas Anderes sehen, auftanken muss…. Unterwegs sein!

Und so werde ich meinen letztjährigen Urlaub jetzt nehmen, kombiniert mit neuem Urlaub, und mal wieder Wandern gehen. Ich habe mich, auch wegen der Jahreszeit, für den Andalusischen Weg nach Santiago de Compostella entschieden. In Sevilla, wo ich am kommenden Donnerstag eintreffen werde, sind tagsüber bereits etwa 20° C, also eine perfekte Temperatur, um zu wandern. Der bewährte Rucksack aus den USA ist bereits fertig gepackt und alles ist vorbereitet. Und ich freue mich sehr darauf, wieder mit sehr wenig Gepäck den ganzen Tag in der freien Natur zu laufen. Vielleicht ergibt es sich ja auch, dass ich endlich mal wieder im Zelt schlafen werde, nur mit den Geräuschen der Nacht um mich herum und möglichst mit den Sternen über mir.

In diesem Zusammenhang habe ich vor einigen Tagen in meinem eigenen Blog gelesen. Und fand einen Eintrag, den ich kurz vor meinem Abflug in die USA geschrieben habe. Wen es interessiert, der kann es hier nachlesen. Im letzten Absatz beschreibe ich das Gefühl dieses Tages, keine Bleibe und nichts mehr zu besitzen, um das ich mich kümmern muss. Nur noch draußen sitzen, nur noch Wind und Sonne um mich, von einem Glücksgefühl überwältigt und gleichzeitig todmüde. So wünsche ich es mir für die knapp tausend Kilometer, die ich nun gehen werde.

Urlaubsreif

Ein Gedanke zu „Urlaubsreif

  • 7. März 2022 um 12:39 Uhr
    Permalink

    Lieber Matthias – ich wünsche Dir von ganzen Herzen einen schönen, entspannten, abenteuerlichen, segensreichen Urlaub. Und ich freue mich schon jetzt darauf von Dir und Deinem Weg zu hören – bzw. zu lesen. Meinen Segen auf all Deinen Wegen soll mit Dir sein! Alles Gute wünsche ich Dir!
    Roland

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert