Kürzlich war ich in meinem Keller. Ich musste einiges zusammensuchen, um es zu verschicken. Und es ist ja immer spannend, was sich so alles finden lässt, wenn man die bereits seit Jahren im Keller stehenden Kartons durchsucht.
Diesmal fand ich ganz unten eine Kiste, die mit großformatigen Dias aus meiner Zeit als Berufsfotograf gefüllt war. Es waren alles Industrieaufnahmen, Bilder zu Werbezwecken und Architekturaufnahmen aus der Zeit der Jahrtausendwende. Alle waren sorgfältig in schwarzen Klapp-Passepartouts gerahmt und durch eine Acetathülle geschützt. Ordentlich sahen sie aus, zum Teil sogar makellos. Manchmal musste ich direkt staunen, wie ordentlich ich damals fotografiert habe. Lange habe ich diese Dias nicht mehr in der Hand gehabt, ja, ich hatte die Existenz dieser Kiste völlig vergessen und die Aufnahmen auch nicht vermisst. Die Bilder waren mir natürlich noch immer in der Erinnerung gegenwärtig, zumal die meisten davon auch als Scan auf irgendeiner alten Festplatte vorliegen.
So stand ich dann einen Moment etwas ratlos mit dieser Kiste in der Hand da und fragte mich, was ich damit zukünftig tun würde. Verschiedene Fragen gingen mir durch den Kopf. Wer würde zum Beispiel von diesen Aufnahmen noch irgendeinen Nutzen haben, fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Entstehen? Hatte sich nicht alles längst überlebt, was auf den Bildern zu sehen war? War nicht auch die Bildsprache eine ganz andere gewesen als heute? Waren sie es wert, aufbewahrt zu werden? Und wenn ja, für wen? War es vertretbar, es den armen Menschen, die einmal meinen Haushalt auflösen würden, zusätzlich schwer zu machen?
Schließlich entschied ich mich und holte den kleinen Schredder aus dem Keller. Dabei fiel mir noch der Koffer in die Hände, mit dem bewaffnet ich damals zu potentiellen Kunden ging, um Aufträge zu aquirieren. Darin lag noch der Leuchtkasten, den ich benötigte, um meine als Dias vorliegenden Bilder zeigen zu können, und jede Menge Dias, weitgehend identisch mit denen in der besagten Kiste. Vieles hatte ich ja zweimal oder dreimal belichtet, um genau für diesen Zweck gute Bilder in Bereitschaft zu haben. Nun waren sie nicht mehr notwendig.
Dann begann ich, die Dias aus ihren Passepartouts zu lösen. Sorgfältig trennte ich alles nach den diversen Müllsorten: Die Passepartouts in den Papiermüll, die Acetathüllen in den gelben Sack. Die Dias kamen in den Schredder, was bei der großen Anzahl einen ganzen Tag brauchte, denn der Schredder lief immer wieder heiß und brauchte dann einige Zeit, um wieder abzukühlen. Im Ergebnis waren es am Schluß zwei volle Mülltüten, die in den Hausmüll kamen.
Dann räumte ich den Koffer aus, den ich mittels Kleinanzeigen verschenken wollte. Auch ihn brauchte ich nicht mehr. Den Leuchtkasten übrigens auch nicht. Und so fand ich beim Entleeren des Koffers doch ganz interessante Dinge. Zum Beispiel einen deutschen Pfennig, der sehr wenig nach Kupfer aussah. Er war wohl auch nicht echt, denn er konnte von einem Magnet angezogen werden, was normale Kupfermünzen nicht tun. Auch fand ich in den Tiefen des Koffers zwei Lamy-Kugelschreiber, mit denen ich damals das Fotostudio ausgestattet hatte.
Zu meiner eigenen Überraschung fand ich dann fünf Streichholzschachteln, die ich einst zu Werbezwecken habe herstellen lassen. Sie waren das Ergebnis einer echten Fehlentscheidung, die mich ziemlich viel Geld gekostet hatte. Auf einer Seite der Schachtel war das Logo des Studios und die Kontaktdaten aufgedruckt, auf der Rückseite ein Aktfoto abgebildet. Schon seit Jahren gibt es keine Exemplare dieser Streichhölzer mehr bei mir, ich schätze, die letzten hatte ich entsorgt, als ich aus Würzburg verzog, und das ist fast zehn Jahre her. Nun lagen fünf von Ihnen vor mir auf meinem Tisch.
Ich wollte sie dann aber doch nicht einfach
so wegwerfen. Sie funktionierten ja noch immer zuverlässig. Seither dienten sie mir dazu, bei allen meinen Mahlzeiten ein Licht zu entzünden, das ich zur Erinnerung an meinen Freund Armin auf meinem Esstisch stehen habe. Seit seinem Tod im Dezember habe ich mir das angewöhnt, immer in Kombination mit einem Blick zu den Bildern von ihm, die ich aufgehängt habe. Es ist mir ein wichtiges Ritual geworden, das ich auch weiterhin hochhalten will.
Heute habe ich das letzte Streichholz verbraucht. Für die Kerzen liegt der Gasanzünder bereit. Den Koffer und den Leuchtkasten habe inzwischen an Menschen verschenkt, die damit etwas anzufangen wissen. Und so ist das letzte Streichholz wieder eine Art Synonym für das Aufräumen und Abschließen vergangener Zeiten geworden. Es war ein gutes Gefühl, die letzte Schachtel in den Müll zu werfen. Und ‚ausgebrannt‘ ist vielleicht auch eine angemessene Beschreibung meines Zustandes am Ende meiner fotografischen Zeit.
Wieder etwas aufgeräumt!
