Kollegen

Wir grüßen uns. So, wie es die Motorradfahrer miteinander halten, so haben auch die Busfahrer ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das durch einen, meist gegenseitigen, Gruß zum Ausdruck kommt. Wenn wir uns begegnen, heben wir eine Hand zum Gruß, wenn es gerade möglich ist. Mir hat das schon immer gefallen. Und bei den Begegnungen auf den diversen Parkplätzen kommt man immer sehr leicht in ein kollegiales Gespräch, auch wenn dann oft auch nervige Eigenschaften der Menschen offensichtlich werden, die ich beim Grüßen mit der Hand nicht erleben muss. Und mancher Kollege geht mir bereits nach zwei Minuten auf die Nerven….

Hier in Apulien ist es natürlich anders. Es ist durch die sprachlichen Barrieren fast unmöglich, mit Kollegen ins Gespräch zu kommen. Und doch…. Ich denke zum Beispiel an die beiden freundlichen Italiener, die mir in Monte Sant Angelo mit ihrem Klebeband das zerbrochene Plastik des Rücklichts verklebt haben. Dabei ließen sie auch nicht zu, dass ich dabei half, sondern waren ganz beseelt von ihrer großen Aufgabe. Sie waren so engagiert dabei, dass das Klebeband bis heute hält und sogar weitgehend wasserdicht zu sein scheint. Ich war sehr dankbar für ihren Einsatz, es war eine echte Erleichterung bei all meinen Sorgen an diesem Tag. Auch der Kollege in Matera war sehr engagiert, als ich ihn nach einem Bussparkplatz fragte, auf dem ich länger würde bleiben können. Über die sprachlichen Probleme hinweg half er mir mit einer Adresse, die ich ins Navi eingeben konnte, wo ich eine Parkmöglichkeit fand und – als echten Luxus – eine sensationelle Waschanlage für den Bus, der sie wirklich dringend brauchte.

Ein ganz besonderes Erlebnis war der Kollege aus der Schweiz, der auf der Uferstraße von Santa Maria de Leuca bis nach Otranto vor mir her fuhr. Ich konnte mir ansehen, wie er die Kurven fuhr und versuchte, es jeweils genauso oder besser hinzubekommen. Er war dann schneller in Otranto und stellte den Bus dort ab, wo auch ich zu parken gedacht hatte. Und war zu Fuß auf dem Weg in den Hafen, als er an unserem Bus vorbei kam. So kamen wir ins Gespräch und ich erzählte ihm von meinen Sorgen im Zusammenhang mit dem gerissenen Keilriemen. Er zögerte nur eine Sekunde, dann bot er mir an, mit mir zusammen den Keilriemen zu erneuern. Ich nahm dieses großzügige Angebot sofort an, allerdings auch mit einem schlechten Gewissen, denn mir klar war, dass er dafür auf seine Pause weitgehend verzichten würde. Im Gespräch erzählte er, dass er gelernter Mechaniker wäre. So war mir klar, dass er nicht nur wissen würde, was zu tun war, sondern auch, dass es viel schneller gehen würde, als wenn ich es allein versuchen würde.

Ich parkte meinen Bus direkt vor den Seinen und wir machten uns ans Werk. Nach zwei Minuten hatten wir ziemlich schmutzige Hände, hatten aber auch die notwendigen Schrauben gelöst und die ersten Keilriemen gelöst, von denen der Bus übrigens fünf oder sechs Stück hat. Er empfahl mir, einen weitere Keilriemen ebenfalls auszutauschen, der bereits einige Schäden zeigte. Durch seine Erklärungen und die gute Zusammenarbeit hatten wir innerhalb einer Stunde die beiden Riemen ausgetauscht und alles wieder festgeschraubt, sodass der Bus wieder betriebsbereit war. Was für eine Erleichterung! Beim nächsten Mal würde ich sicher nicht so verunsichert reagieren, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich es zukünftig allein hinbekommen würde. Ich habe jedenfalls ziemlich viel verstanden und gelernt. Natürlich habe ich mich bei ihm ausdrücklich bedankt, gerne hätte ich ihm zum Dank mehr gegeben, als die zwei Flaschen Wein aus dem Bestand des Busses.

Zwei Tage später bekam ich nochmals Unterstützung von einer Kollegin aus Oberbayern. Mit ihr habe ich mich lange unterhalten, ehe wir am Bus ein wenig geschraubt haben. Es bewegt mich noch immer, dass ich diese Hilfen mit einer für mich überraschenden Selbstverständlichkeit von diesen Kollegen erhalten habe. Ich fühle mich, als stünde ich auf festerem Boden als zuvor. Und so, wie sich auch auf dem Jakobsweg das Annehmen von Hilfe mit dem Geben von Hilfe auszugleichen schien, so hoffe ich, dass ich irgendwann auch einmal einem Kollegen aus der Patsche helfen kann. Das Gefühl der Verbundenheit ist stärker geworden.

Wenn ich zukünftig einem anderen Bus auf der Straße begegnen werde, werde ich wiederum die Hand zum Gruß heben. Und weiß nun auch genau, was es mir bedeutet und bedeuten kann.

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