Der kleine Unterschied

“Was weißt Du von mir?” fragte sie mich, als ich sie zum ersten Mal leibhaftig vor mir hatte.

Ich hatte seit Jahren ihre Entwicklung verfolgt, so viele Berichte über sie meist mehrmals gelesen, hatte andächtig die Bilder von ihr betrachtet und jede greifbare Information, derer ich habhaft werden konnte, aufgesogen. In meinen Gedanken und Träumen hatte ich sie so oft getroffen und mit ihr zusammen gelebt, dass ich ein klares Bild von ihr im Kopf hatte. Es stand vor meinem geistigen Auge, ein Widerspruch war einfach unmöglich. Voll innerer Überzeugung war ich mir sicher, dass dieses Bild mit der Wirklichkeit weitgehend deckungsgleich übereinstimmen musste. So fiel es mir leicht, ausführlich auf ihre Frage einzugehen. Während sie mich aus ihren tiefgründigen Augen ruhig ansah, führte ich aus, was ich alles wusste. Mit einem Gefühl aufkeimenden Stolzes angesichts ihrer Aufmerksamkeit berichtete ich und war mir ihrer Anerkennung angesichts meines Wissens und der Interpretation der Details sicher.

Sie hörte mir konzentiert zu und unterbrach mich nicht ein einziges Mal, während sie mich betrachtete. Ich liebte diesen ruhigen, forschenden Blick aus ihren dunklen Augen, bei einem solchen Blick war ich schon immer schwach geworden. Sicherlich hatte ich ihr mit meinem umfangreichen Wissen schwer imponiert, sodass ich nun von einer freudigen, gemeinsamen Zukunft träumen dürfte. Als sie ihren Blick senkte, spürte ich alarmiert, dass irgend etwas schief zu laufen drohte. So versuchte ich gerade, durch eine schnelle Zusammenfassung und Straffung meine Ausführungen zu Ende zu bringen, als sie mich mit einer Handbewegung unterbrach.

“Du weißt viel über mich, das sehe ich.” sagte sie ruhig. “Du siehst mich durch die Augen Dritter, siehst mich mit ihren Werturteilen und Ansichten. Du kennst mich über oberflächliche und verzerrte Details, von denen Du gelesen oder gehört hast, ohne zu prüfen, was daran wahr ist und was nicht. Und doch glaubst Du, mich aufgrund dieser Berichte zu kennen, ohne jemals ein Wort mit mir gewechselt zu haben?” Sie schüttelte den Kopf, während sie zu Boden blickte. Dann sah sie mir in die Augen.

“Vielleicht weißt Du vieles über mich. Von mir weißt Du gar nichts!” sagte sie und wandte sich ab. Mit schnellen Schritten verschwand sie in der Dunkelheit. Ich blieb allein zurück, erstarrt und völlig geschockt. Und dann begriff ich plötzlich: Sie hat Recht gehabt!

Was wissen wir wirklich vom Anderen?

Der kleine Unterschied

3 Gedanken zu „Der kleine Unterschied

  • 22. Juli 2018 um 10:36
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    So ist es wirklich oft…wie oft wird Etwas hinterfragt oder geht man einer Info auf den Grund oder nimmt so ne oberflächliche Info einfach an? Gut geschrieben, Matthias!

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    • 29. Juni 2018 um 10:32
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      Es ist kein Traum. Es ist eine selbst geschriebene Geschichte, mit der ich einen Inhalt transportiere, der mich sehr beschäftigt hat…..

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