Kindheit

Manchmal fahre ich Touren, die ich nicht so richtig verstehen kann. So war es auch am Mittwoch der letzten Woche. Auf meinem Plan stand nur “Rottenburg”. Und so fragte ich, was es denn mit dieser Tour auf sich habe. Auch dann wurde es nicht so richtig klar, es ging um ein Fußballspiel. Und eine Gruppe von über 46 Personen wäre von Rottweil nach Rottenburg und wieder zurück zu fahren. Und da kein anderes Fahrzeug für eine solch große Gruppe verfügbar war, musste ich den Doppeldecker nehmen. Für mich war das wieder eine innere Herausforderung in Sachen Angstbewältigung, denn den Bus hatte ich noch nie gefahren. Und ich hatte ziemlichen Respekt davor.

Als ich die Gruppe aufsammeln wollte, stellte es sich heraus, dass es nur 18 Personen waren – in einem Bus für 72 Leute! Iregendwie war es grotesk, letztlich aber auch egal, da ja irgendwer die Rechnung begleichen würde. Und so musste es mir egal sein (auf der Rückfahrt waren es nur noch 14 Personen…). Es ging nach Rottenburg zu einem Relegationsspiel irgendeiner Amateurliga, bei dem eine Mannschaft aus Rottweil spielte (und am Schluss mit 2:0 gewann). Und da ein solches Spiel zweimal 45 Minuten dauert, dazwischen eine Pause ist, wir auch rechtzeitig vor Anpfiff dort sein wollten und es nach Ende einer Veranstaltung immer einige Zeit dauert, bis alle Leute wieder im Bus sind, richtete ich mich auf gute drei Stunden Wartezeit ein. Den ersten Teil davon verbrachte ich im Vereinsheim, wo ich mich mit einer Pizza nachhaltig beschäftigte. Dann schaute ich mir an, was die Spieler in dem zwischenzeitlich begonnenen Match zustande brachten.

Ich lehnte auf einer Absperrung und sah dem Treiben zu: den Kindern, die mit Stolz die Spieler aufs Spielfeld begleiten durften, als Balljungen und Ballmädchen fungierten, in der Pause den ganzen Platz als Spielfläche nutzten und auf den Geländern turnten. Und plötzlich merkte ich eine große Traurigkeit in mir aufsteigen. Ich brauchte ein bisschen Zeit, um nachzuspüren, was gerade passiert war und was mich bewegte. Und merkte, dass ich mit meiner eigenen Vergangenheit kollidiert war.

Ein paar Male habe ich bereits über Musik geschrieben, mit der ich aufwache oder die mir nicht aus dem Kopf geht. Hier ist mal wieder ein Beispiel:  https://www.youtube.com/watch?v=VZt7J0iaUD0  Wer interessiert ist, kann die deutsche Übersetzung hier nachlesen. Die Geschichte drückt mich nieder und ich fühle mich mit allen diesen Kindern verbunden, denen es so geht. Ich kann mit ihnen fühlen, denn ich erlebe mich als eines von ihnen. Ich kenne das Bemühen, die Wahrheit zu verschleiern, auch wenn sie für jeden fühlenden Menschen offensichtlich und spürbar ist. Ich kenne auch den Versuch, sich nichts anmerken zu lassen und zum Ausdruck zu bringen, dass alles in Ordnung ist. Als Kind habe ich das auch jahrelang gemacht und gemeinsam mit meinen Eltern ein mieses Theaterstück zur Aufführung gebracht. Und viele Jahre der Therapie gebraucht, um mir selbst eingestehen zu können, dass ich keine schöne, heile Kindheit gehabt habe.

All das hat mich aufgewühlt, als ich die mir völlig unbekannten Kinder bei ihrem Spiel beobachtete: Ich spürte eine bodenlose Angst und Traurigkeit angesichts dessen, was diesen Kindern eventuell noch alles Schlimmes im Leben zustoßen würde – oder bereit zugestoßen ist, ohne dass es an der Oberfläche sichtbar ist. Die Unabwendbarkeit des Lebens mit seinen tiefen Spuren stand für mich in so einem krassen Widerspruch zu den fröhlichen Aktivitäten der Kinder, dass mich die Traurigkeit fast erdrückte. Ich liebte die Kinder für ihre Unbeschwertheit und den Übermut, die Souveränität und den Stolz, das Selbstbewustsein und die Freude. Und erkannte, dass es bei diesen Gefühlen mehr um den kleinen Jungen in mir ging, der sich genau nach dieser Kindheit sehnte. Sie gehört, so wie sie war, zu meiner Vergangenheit.

Kürzlich habe ich jemandem geschrieben, dass ich seit Uffenheim versuche, mich mehr mit der Zukunft zu beschäftigen als mit meiner Vergangenheit. Ich tue es und glaube, dass das auch der Grund dafür ist, dass es mir doch recht gut geht und ich keine Stimmungseinbrüche habe…. Während ich das schreibe, merke ich, dass das nicht stimmt. Habe ich da nicht gerade wieder versucht, die Wahrheit zu verschleiern? Denn die Vergangenheit holte mich auf diesem Fußballplatz wieder heftig ein, meine Stimmung brach völlig weg und brachte mich wieder in Kontakt mit meiner lange vergangenen Kindheit, ob ich es wollte oder nicht. Wenn ich nicht die Gruppe im Doppelstockbus heil nach Hause zu bringen gehabt hätte, wäre ich sicher sehr abgestürzt.

Meine Vergangenheit kann ich nicht ungeschehen machen, sie ist ein Teil von mir. Vielleicht kann ich über die gefühlte Liebe zu diesen Kindern einen Weg für den kleinen Matthias finden?

Kindheit

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