Die neue Sohle

Gestern, am letzten Samstag im Jahr, erreichte mich am Vormittag ein Anruf von meinem örtlichen Outdoor-Ausrüster. Der freundliche Mitarbeiter teilte mir mit, dass meine reparierten Schuhe nun eingetroffen seien, nachdem sie fälschlicherweise zunächst in die Filiale nach Hannover gesandt worden waren. Es hatte mich schon gewundert, dass es so lange gedauert hatte. Ich hatte sie vor gut sechs Wochen zum Hersteller geschickt, wegen der auf meinem Weg durch Frankreich ruinierten Sohle. Und nun waren sie endlich wieder da, neu besohlt und mit stabilen Schnürsenkeln in modischem Schwarz. Daraufhin machte ich mich noch vor Geschäftsschluß auf den Weg, sie abzuholen, denn ich habe mich sehr darauf gefreut, sie wieder nutzen zu können. Und da es ein ziemliches Sauwetter war, habe ich sie im Laden gleich angezogen, denn sie sind ja wasserdicht. Ein gutes Gefühl, wieder eine intakte Sohle mit ausreichendem Profil zu haben. Auch das defekte Taschenmesser, das mich auf meinen Wanderungen begleitet hatte, wurde noch vor dem Jahreswechsel instand gesetzt.

Es scheint mir sinnbildlich zu sein, dass meine Ausrüstung zum Jahreswechsel wieder repariert ist und mir zur Verfügung steht. Als wäre es ein Zeichen für mich, dass ich im neuen Jahr wieder aufbrechen soll, um meinen Weg weiter zu gehen, mit ausreichender Bodenhaftung, auch bei Schlamm und lockerem Untergrund. Und auch, wenn es jetzt vielleicht etwas übertrieben klingt: Ich fühle mich wieder vollständig, seit die Schuhe wieder da sind. Und ich kann wieder auschreiten, um neue Orte kennen zu lernen, neue Abenteuer zu bestehen, wie auch immer sie aussehn werden. Es verspricht also wieder ein “irres” Jahr zu werden, dieses neue Jahr, das in etwas mehr als zwölf Stunden beginnen wird.

Und was war das für ein “irres” Jahr, wenn ich so zurück blicke. Ein Jahr mit auch nur annähernd ähnlicher Ausprägung und Intensität hat es bei mir noch nicht gegeben. Ich habe den Mut gehabt, trotz all meiner Ängste mein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen und Bedingungen für eine völlig neue Existenz zu schaffen. Ich stand an Orten in der Natur und konnte nicht glauben, dass ich es nur mit meinen Beinen dorthin geschafft hatte. Im Verlauf des Jahres bin ich über 2500 km gelaufen, und immer wieder war es für mich unwirklich und kaum zu glauben, was ich da tat, geradezu unerhört! Ich stand, zugegebenermaßen leicht benommen, in 4000 Meter Höhe im Schnee und hatte sicher den wildesten Weg meines bisherigen Lebens hinter mir, über eine steile Eiswand aufwärts, bei eisigem Wind und mit kurzen Hosen. Und ich hatte es geschafft, obwohl ich doch immer an mir zweifele und mir das nicht zutraue, was andere Menschen scheinbar ganz leicht schaffen. Auch quer durch Frankreich zu gehen, erschien mir zunächst wie ein Wagnis, das zu groß für mich sein würde. Und doch bin ich, einen Schritt nach dem Anderen auf matschigen Grund setzend, bis an die Pyrenäen gelaufen. Und gerne wäre ich nicht nach Hause gefahren. Es ist so ein gutes Gefühl, einfach unterwegs zu sein!

Ich habe erlebt, wie gut es tut, wenig zu brauchen und mit so wenig unterwegs zu sein. Ganz ähnlich ging es mir, als ich im Frühjahr meine Würzburger Wohnung auflöste und mich von vielen Dingen trennen konnte, die ich irgendwann in der Vergangenheit als unbedingt notwendig angesehen hatte oder die damals tatsächlich wichtig waren. Nun war die Notwendigkeit nicht mehr gegeben und so wären sie unnötiger Ballast geworden, wenn ich sie hätte weiterhin behalten wollen. Und zu meiner eigenen Überraschung war es oft gar nicht so leicht, diese Trennung zu vollziehen, weil es in mir den Nachhall innerer Stimmen gibt, die ständig mit den Werten anderer Menschen gegen meine Wünsche opponieren und mich einschüchtern wollen. Und so wurde es zu einer Befreiung, es trotzdem zu tun und mich zu erleichtern. Und dann war es Moment des Glücks, zu erleben, wie es ist, einen Rucksack zu packen – nichts weiter zu brauchen, alles Notwendige dabei zu haben und es auch noch leicht tragen zu können.

Es ist manchmal auch ein Glück, unendlich traurig zu sein. Auf meinem Weg, der ja ein Weg zu mir selbst ist, habe ich in einem Moment extrem großer Traurigkeit etwas sehr Wesentliches verstanden. Es war in den USA, als mir das Lied von “den gelben Bändern um den Eichenbaum” nicht mehr aus dem Kopf ging (siehe auch: Willkommen). Und ich merkte, wie sehr ich mich danach sehne, nach „Hause“ zu kommen. Ich kann es nicht genau definieren, wie dieses Zuhause aussieht und was es alles ausmacht. Aber sicher ist, dass es um das Gefühl des Angenommen sein geht, darum, willkommen zu sein und geliebt zu werden und dabei so sein zu dürfen, wie ich bin. Und so half mir die Traurigkeit zu einer wichtigen Erkenntnis über mich selbst. Genauso war es, als ich den Brief an meinen Sohn schrieb, ein schwerer innerer Kampf, um das auszusprechen, was mir schon lange auf der Seele lag. Auf diese Momente und die damit einhergehenden Kämpfe will ich nicht verzichten, sie haben mich wachsen lassen.

So sehe ich dieses Jahr als ein sehr erfolgreiches Jahr für mich an, auch wenn nicht alles so gelaufen ist, wie ich es mir gewünscht habe. Und sehe mit Freude und Spannung auf das neue Jahr, das zu gestalten ich mir bereits in Gedanken vorstelle und worauf ich mich bereits heute freue. Die Vorstellung eines neuen Berufs, einer neuen Arbeitstelle, einer neuen Wohnung, eventuell einer neuen Partnerin und neuer Menschen in meinem Leben – all das ist spannend und mit viel Vorfreude versehen, auch wenn bei vielem davon die alte Angst im Schatten lauert. Ich bin noch immer der Gleiche, aber ich kann das Leben anders angehen. Und ich weiß dabei meine Freunde hinter mir und zu mir stehend.

Und genau das wünsche ich Euch allen heute: nicht die Wehmut über das vergangene Jahr, sondern die Lust und Vorfreude auf das Neue. Alles Gute für Euch in 2018!

Die neue Sohle

2 Gedanken zu „Die neue Sohle

  • 1. Januar 2018 um 11:54
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    Lieber Matthias, dann starte mal 2018 erneut durch! Ich wünsche Dir Gesundheit dazu!
    Stephan

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  • 31. Dezember 2017 um 17:40
    Permalink

    Lieber Matthias, Dir für 2018 nur das Allerbeste…viel Glück und Erfolg auf all deinen Wegen. Auf bald, alles Liebe, Inken

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