Ein Morgen auf dem PCT

Das trübe Morgenlicht fällt bereits durch die Zeltbahn, als ich die Augen aufschlage. Meine Hand tastet nach der Lesebrille, dem inzwischen unentbehrlichen Utensil, ohne das ich nichts mehr lesen kann, schon gar nicht morgens, kurz nach dem Erwachen. Ich setze sie gar nicht auf, sondern schaue mit einem müden Auge durch das eine Glas, während die andere Hand das Smartphone aktiviert. Es ist 5.22 Uhr. Auch nach elf Stunden Schlaf bin ich morgens müde und brauche meine Zeit, um mich für den Tag bereit zu fühlen. Und so entscheide ich mich, die Brille wieder zur Seite zu legen und die Augen noch ein bisschen geschlossen zu halten. Draussen weht, wie fast immer, ein böiger Wind, aber ich kann auch einzelne Vögel hören und das Rauschen der Bäume rund um das Zelt.

Aber nun ist an richtigen Schlaf nicht mehr zu denken, ich habe wahrgenommen, dass es draussen schon hell wird und der neue Tag begonnen hat, an dem ich wieder einige Meilen gehen werde. Und ich weiß, dass ich noch einiges zu tun habe, bis ich mich wieder auf den Weg machen kann. Und so döse ich nur noch einige Minuten, bis ich das Gefühl habe, nicht mehr länger warten zu dürfen. Das ist der immer gleiche Kampf am Morgen, den ich früher oder später gewinne. Heute etwas früher! Noch ein Blick auf die Uhr meines Telefons, inzwischen ist es viertel vor sechs und draussen ist es bereits richtig hell. Ob die Sonne bereits aufgegangen ist, kann ich noch nicht sagen, denn ich habe noch nicht nach Draussen geschaut.

Ich beende die Phase der Entspannung und des Schlafes, indem ich die Luft aus der Isomatte, auf der ich liege, herauslasse. Mit dem Zischen der Luft spüre ich, wie mein Körper langsam wieder Bodenhaftung bekommt, der harte Untergrund, auf dem ich gestern mein Zelt errichtet habe, wird wieder spürbar. Und nun ist es auch zu liegen nicht mehr so bequem, sodass mir das Aufstehen leichter fällt. Nach dem Aufsetzen ziehe ich als Erstes meine kurze Trekkinghose an, die ich bei meinem Würzburger Outdoor-Spezialisten gekauft habe und die ich sehr schätze. Und dazu das ehemals gelbe T-Shirt, das bereits deutliche Abnutzungserscheinungen zeigt: Schweiß, Sand und Dreck haben ihre Spuren hinterlassen, und es gibt bereits die ersten kleinen Löcher im Stoff.

Dann erst öffne ich das Zelt, erst das Innenzelt mit dem Moskitoschutz und dann die äußere Zeltbahn. Ein Schwall frischer, kühler Luft dringt in das Zelt und ich sehe, dass die Sonne bereits die ersten Lichtflecken auf den Hang wirft. Also raus aus dem Zelt. Ich nehme die Schaufel und das Toilettenpapier, denn der Gang in die Büsche ist meine erste Tätigkeit am Tag, bei der Bundeswehr heißt das Spatengang. Ich habe allerdings keinen Spaten, sondern eine orangefarbene Plastikschaufel, mit der ich abseits des Weges ein Loch mit vorgeschriebener Tiefe zu graben habe. Erst, wenn ich das hinter mir habe, kann der Tag richtig beginnen.

Nachdem ich den Schlafsack und die Sachen, in denen ich geschlafen habe, zum Lüften und Trocknen auf das Zelt gelegt habe, mache ich den kleinen Gaskocher fertig, um mir ein warmes Frühstück zu machen, Wie immer gibt es drei Portionen „Instand-Oatmeal“, Haferflockenbrei, heute mal die Geschmacksrichtung „Zimt und Apfel“! Das geht schnell, macht einigermaßen satt und ich kann es auch am zehnten Tag noch ohne Überdruss essen. Und während das Wasser bald am Kochen ist, beginne ich, meine Sachen wieder systematisch zu ordnen. Aber bevor ich packen kann, muss ich essen, denn die Küchenutensilien müssen ja auch noch abgewaschen werden.

Es hat sich bewährt, alles in einer durchdachten Reihenfolge zu tun. Diese Routine spielt sich nach nur wenigen Tagen ein, einfach wegen der Zweckmäßigkeit. Als Erstes presse ich die letzte Luft aus der Isomatte, denn diese ist das Erste, was ich einpacken werde. Alles kommt in wasserdichten Beuteln in den Rucksack, in der richtigen Reihenfolge, damit ich stets an die wichtigen Dinge schnell heran komme. Ganz an den Rand packe ich also die inzwischen vollständig entleerte Isomatte. In den wasserdichten Sack am Grund des Rucksacks kommen erst die Reservekleidung, darauf der Schlafsack. Dann wird alles zusammengepresst, damit die Luft entweicht und das Packmaß so klein wie möglich wird. An den Rand kommen in kleinen Einheiten die technischen Dinge, Akkus, Ladekabel, usw., dann die Regenkleidung. Danach nehme ich mir die Zeit, in Ruhe zu frühstücken und nutze die Zeit, um die Gegend, in der ich mich befinde, bewusst wahrzunehmen.

Dann reinige ich mit klarem Wasser den Topf und den Löffel von den Resten des Frühstücks. Das Wasser wird danach nicht einfach weggegossen, sondern ich trinke es, das ist für meinen Wasserhaushalt wichtig. Zudem ist das Wasser auf dem PCT eigentlich das Wichtigste, was man braucht. Nun kann ich auch das Kochzeug einpacken, zusammen mit den Vorräten. Danach putze ich mir die Zähne, das ist mir ganz wichtig geworden, damit ich mich erfrischt und gut fühle. Dann zerlege ich das Zelt und stopfe es ganz oben in den Rucksack, die Heringe und die Zeltstangen kommen in die Aussenfächer. Als Letztes kommt die Fleecejacke in den Rucksack, gleichermaßen ein guter Schutz gegen Kälte und mein Kopfkissen in der Nacht. Indem ich das Wasser aus dem nahen Bach durch den Filter laufen lasse, fülle ich meine Vorräte an Trinkwasser auf, das ich in drei Wasserflaschen in den Aussentaschen des Rucksacks mit mir führe. Nun liegen nur noch mein Hut und die Trekkingstöcke am Boden, während ich den Rucksack verschliesse.

Jetzt nehme ich den Rucksack auf, der, bedingt durch das Wassers und die Lebensmittel, doch wieder ziemlich viel wiegt, trotz der ultraleichten Ausrüstung. Auch nach vielen Tagen ist das noch immer ein gleichermaßen vertrauter wie auch gefürchteter Moment für mich. Bauchgurt, Brustgurt. Schultergurte – genau in dieser Reihenfolge. Alles festziehen, damit der Rucksack richtig sitzt und nicht bei jeder Bewegung schlackert. Dann bücke ich mich, um den Hut und die Stöcke zu nehmen. Seit dem Wachwerden ist eine knappe Stunde vergangen, der für mich übliche Schnitt. Ich schaue mich um, ob ich nicht irgend etwas liegen gelassen oder übersehen habe, aber der Platz ist genau so, wie ich ihn gestern vorgefunden habe. So soll es auch sein, wir Hiker sind aufgefordert, keinerlei Spuren oder Abfälle zu hinterlassen. Und jetzt kann es losgehen, Schritt für Schritt: Ich werde den Ort verlassen, an dem ich übernachtet habe, und werde mich auch nicht mehr umdrehen. Ich bin mir bewusst, dass ich an diesen Ort nicht mehr zurück kommen werde.

Ich bin wieder auf dem Weg. (natürlich nur mit meinen Gedanken…)

Ein Morgen auf dem PCT

Ein Gedanke zu „Ein Morgen auf dem PCT

  • 9. August 2017 um 23:25
    Permalink

    Ich höre den Boden unter Deinen festen Schritten knirschen… sehe Dich immer kleiner werden…. und hinter der Kurve da hinten bist Du verschwunden. Siehst was, was wir nicht sehen.
    Erzähl uns weiter davon!

    See you on Trail

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.