Hikertown

Ich bin in Hikertown. Und der Begriff Stadt ist dafür ein bisschen sehr hoch gegriffen. Es ist ein großes Grundstück in einer Ebene, über die immer der Wind weht, direkt am Highway gelegen, auf dem Autos und Lkw mit hoher Geschwindigkeit vorbeirasen, in dessen Mitte ein konventionelles Wohnhaus steht. Entlang des Zaunes hat Bob, der Eigentümer, in Eigenleistung eine Art Westernstadt aufgebaut. Und in jeder dieser kleinen Hütten sind Schlafgelegenheiten für die Wanderer.

Ich habe eine Hütte am Südende des Grundstücks bekommen, von außen weiß gestrichen. Innen drin steht ein Sofa, ansonsten ist der Raum leer, mit Ausnahme von diversen Kisten mit alten Langspielplatten. Alles ist ein bisschen provisorisch, aber ich habe hier bereits eine Nacht gut geschlafen.

Man kann hier duschen und seine Wäsche waschen, zwei Dinge, die auf der Wanderung extrem wichtig sind. Und so werde ich heute einen Tag nicht wandern, sondern Wäsche waschen. Ich bin jetzt hintereinander dreizehn Tage gelaufen, fast immer an die zwanzig Meilen. Ich merke ein wenig einen Schmerz im rechten Knie, und so scheint es mir sinnvoll, heute einen Tag auszuruhen. Es ist nicht so, dass hier irgend etwas geboten wäre, insofern wird es wohl auch eine Auseinandersetzung mit der langen Weile werden.

Aber es gibt auch einiges zu entdecken:

Zum Beispiel diesen alten Rolls Royce, der sicher bereits bessere Tage gesehen hat und hier darauf wartet, wieder zu einem Schmuckstück gemacht zu werden. So werde ich heute wohl ein bisschen auf Entdeckungstour gehen, meine Füße pflegen und mich ansonsten wenig bewegen. Denn die Höchsttemperatur für heute ist mit 35° recht knackig. Und vielleicht ergibt sich auch das eine oder andere nette Gespräch mit anderen Wanderern.

Der nächste Abschnitt, der mir bevorsteht, ist eine schattenfreie Ebene, über die sich der Weg neunzehn Meilen lang hinzieht. Ich denke darüber nach, dieses Stück am Abend und in der Nacht zu gehen, um der Hitze auszuweichen. Falls ich das tue, werde ich auch morgen noch den ganzen Tag hierbleiben, erst am Abend starten und mit meiner Stirnlampe versehen in die Nacht hinein laufen, bis es wieder Schatten gibt.

Hikertown

Ein Gedanke zu „Hikertown

  • 21. Mai 2017 um 16:45
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    Lieber Matthias, freue mich immer über deine schönen Berichte und Bilder….schön, dass es Dir soweit gut geht (bis auf das Knie, bekommst Du bestimmt wieder hin). Dir weiterhin gutes Wandern, gutes Wetter und viel Spass. Denk an Dich, Bussi, Inken

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