Willkommen

Oft habe ich bei mir bemerkt, dass ich am Morgen aufwache und mir eine Melodie durch den Kopf geht. Meist kann ich auch nicht sagen, woher diese Melodie im Kopf gekommen ist. Möglicherweise hat sie mit irgend einer Handlung im Traum zu tun, die ich bereits vergessen habe. Aber meistens bleibt sie mir relativ lange am Tag treu, quasi als Ohrwurm.

Hier ist es auch nicht anders. Wenn ich laufe, meistens alleine, geht mir irgend eine Melodie durch den Kopf. Und bisweilen schände ich hoch angesehene Komponisten, beziehungsweise ihre Werke, indem ich sie meinem Schritt anpasse. So ging mir zum Beispiel gestern ein Chor aus dem Messias durch den Kopf, der dadurch soweit verlangsamt wurde, dass selbst Karl Richter sich die Haare gerauft hätte. Oder auch die englische Nationalhymne, ein Stück aus dem Weihnachtsoratorium, Schuberts Müllerin – ich mache vor nichts halt und schrecke vor nichts zurück.

Heute dagegen war es ein Stück, dass in den Siebzigerjahren ein Hit war. Und ich weiß tatsächlich nicht, woher es gekommen ist. Mir ging jedoch der Text durch den Kopf, an den ich mich bruchstückhaft erinnerte. Es ist dieses Stück:

Wer sich mit dem Text beschäftigt, der findet die Geschichte eines Strafgefangenen, der kurz vor seiner Entlassung steht. Er möchte gerne wissen, ob seine Freundin noch zu ihm hält und bittet sie daher, als Zeichen dafür ein gelbes Band um einen Baum zu wickeln. Wenn er dieses Band vom Bus aus nicht sieht, wird er weiterfahren und alles vergessen. Und natürlich hat er Angst, dass es genau so sein wird. Er bitte den Busfahrer, für ihn Ausschau zu halten. Und dann erlebt er, dass der ganze Bus aufschreit, weil 100 gelbe Bänder um den Baum gewickelt sind. Und der letzte Satz des Stückes, bevor alles in der Endlosschleife des Refrains endet, lautet: Ich komme nach Hause.

Heute hatte das Lied mit mir zu tun. Ich war so dicht daran, zu weinen, wenn ich mich in die Situation des Strafgefangenen versetzte. Ich konnte seine Angst spüren, abgewiesen zu werden, ich spürte auch die Sehnsucht, das gelbe Band am Baum zu sehen. Und besonders machte mir der Gedanke zu schaffen, wie man sich fühlt, wenn entgegen den eigenen Erwartungen 100 gelbe Bänder um den Baum gewickelt sind.

Ich spürte den kleinen Matthias, der die Sehnsucht hat, freudig empfangen und in den Arm genommen zu werden. Es sind dies zum Beispiel Momente, wenn man aus dem Zug steigt und freudig erwartet wird. Oder auch das Erleben der Freude, wenn man nach Hause kommt. Es tat weh, diese Sehnsucht wieder zu spüren, ausgelöst durch den Text des Liedes.

Ich bin jetzt vier Wochen auf dem PCT unterwegs und bin 440 Meilen gelaufen. Wenn alles so geht, wie gedacht, habe ich noch fünf Monate vor mir. In diesen fünf Monaten werde ich viele Schritte tun, Landschaften und Wetter erleben und verschiedenen Menschen begegnen. Ich freue mich auf diese Zeit, bisher stand aufzuhören nie zur Debatte. Und doch: Wenn ich an den Moment denke, wenn das Flugzeug in Hannover landet und ich weiß, dass ich freudig erwartet werde, dann sehne ich mich nach diesem Moment. Es ist der Moment, wo ich weiß, dass ich umarmt, gehalten und angenommen werde, wo ich nach Hause komme!

Wenn ich heute daran denke, kommen mir die Tränen. Es ist so eine große Sehnsucht!

Willkommen

3 Gedanken zu „Willkommen

  • 18. Mai 2017 um 9:35
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    Lieber Matthias,
    was für ein schöner Text …
    … du kannst dir sicher sein, du wirst von Groß und Klein freudig erwartet!

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  • 17. Mai 2017 um 10:20
    Permalink

    Oh ja, wie oft ich nach irgendwelchen Opernchören gewandert bin, kann ich gar nicht sagen. Und ebenso wache ich oft aus dem Schlaf auf und habe gefühlt die ganze Nacht alle möglichen Werke gesungen.
    Ich würde Dich gerne in den Arm nehmen und hoffe, dass wir das vielleicht gegen Ende des Jahres nachholen können.
    Fühle Dich ganz herzlich umarmt!

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