Das emotionale Bügeleisen

Ich liege im Zelt und schaue zurück auf den Tag. Draußen quaken die Frösche am nahen Bach, etwas ähnliches wie Grillen sind zu hören und ab und zu rauschen die Bäume. Ein anderer Wanderer schläft in der Nähe ohne Zelt, nachdem er ein Bad im Bach genommen hat.
Heute Morgen bin ich ziemlich verknittert und geknickt aufgewacht. Ich schrieb ja bereits über den gestern erfolgten Verlust meiner Lesebrille, die wunderbarerweise von einem kanadischen Pärchen gefunden wurde und die ich heute auf diese Weise wieder zurück bekam. So begann der Tag besser zu werden, als er sich angefühlt hatte, als ich aufwachte.

Nachdem ich vom Frühstück zurück im Camp war, waren meine gestern gewaschenen Sachen noch nicht trocken, und so hing ich ein bisschen herum und sorgte dafür, dass der Akku der Telefons wieder aufgeladen wurde. So kam ich erneut ins Gespräch mit Patty, die ich bereits gestern getroffen hatte. Wir gingen zusammen zum Mittagessen (getrennte Kasse….), auch das habe ich bereits berichtet.

Sie hatte vor, danach noch ihren Blog zu schreiben, ich dagegen hatte das Gefühl, dass es Zeit wäre, auf den Trail zurückzukehren. Also packte ich meine Sachen wieder ordentlich ein, holte meine inzwischen getrocknete Wäsche vom Zaun, füllte meine Wasserflaschen auf und verabschiedete mich von vielen Hikern mit dem Wunsch, sie bald wieder zu treffen.

Das für mich Schwierigste hatte ich mir für den Schluss aufgehoben: das US Postal Office. Von San Diego aus hatten Frodo und Scout, die beiden Trail-Angels, bei denen ich die ersten Tage verbracht hatte, meinen Bären-Kanister hierher geschickt – wenn alles so geklappt hätte, wie geplant. Und meine Zweifel daran waren riesig, nun musste ich das überprüfen und mich der Sache stellen.

Und als ob ich erst ein paar Schritte Anlauf brauchen würde, gab es keinen PKW-Transfer vom Camp aus. Also machte ich mich zu Fuß auf und plante dann, vom Post Office wieder auf den Trail zu gehen.

In der Post arbeitete eine Frau, die so aussah, als hätte sie genug vom Tag. Und ich war einfach mutig, sprach sie an, outete mich als Deutscher mit Sprachschwierigkeiten und fragte nach meinem Kanister. Und siehe: Er war planmäßig da und sie hatte auch meinen Namen parat. Nun ließ ich mir von ihr erklären, wie es mit dem Flatrate-Versand funktioniert. Wenn man nämlich das Paket nicht öffnet, kann man es zum nächsten Ort weiter senden. Und genau das wollte ich tun, wenn ich auch nicht sicher war, wohin genau ich es senden wollte. Da fehlt mir die gründliche Planung, die ich bereits mehrfach bedauert habe. Ich entschied mich für Big Bear City, etwa bei Meile 250. Damit ging mein Bärenkanister erneut auf postalische Reise.

Was hatte ich vor diesem Besuch für eine Angst gehabt, und nun hatte ich alles zu meiner Zufriedenheit regeln können! Ich war froh – und stolz! Es macht mir Mut und gibt Sicherheit, es allein getan und geschafft zu haben. Ich hatte vorher ein sicher gut gemeintes Angebot des hiesigen Trail-Angels ausgeschlagen, von ihr eine Kontaktadresse und eine Telefonnummer einer Person in Big Bear City mitzunehmen, an die ich mich mit meiner Unsicherheit im Notfall hätte wenden können. Ich hoffe, sie hat meine Ablehnung richtig verstanden, ich muss und will es doch auch allein schaffen – trotz der Ängste! Bei der Post gelang es mir ohne große Probleme und es machte mir ein gutes Gefühl.

Entsprechend beschwingt machte ich mich wieder zurück auf den Trail. Dabei sorgte ich für das Wohl meines linken Fußes, der heute nicht so gut war und schmerzte. Und ich nahm es mir auch nicht übel, dass ich die ersten 500 Meter in die falsche Richtung ging. Jetzt kommt wieder ein Stück des Weges, was zunächst nur bergauf führt. Trotzdem ging ich mit sicheren Schritten los und fiel wieder in meinen schnellen Schritt. Und so bin ich sicher bereits wieder knapp zehn Meilen weiter gekommen.

Was will ich damit sagen? Ein Tag, der so verknittert begann, hat sich ganz glatt entwickelt, ohne dass das absehbar gewesen wäre. Wie mit einem Bügeleisen über das verknitterte Tuch meiner Emotionen hat sich der Tag zu etwas sehr Schönem gemausert. Ich bin sehr froh über diesen Tag, an dessen Gelingen ich ja gehörigen Anteil habe. Und will versuchen, die positive Erfahrung dieses Tages für kommende Tage sorgsam zu speichern.

Das emotionale Bügeleisen

2 Gedanken zu „Das emotionale Bügeleisen

  • 27. April 2017 um 0:56
    Permalink

    hallo Matthias
    ich verfolge deine einträge mit grosser Interesse. ich hatte mit Dienstleistern wie postangestellte servierereinnen oder Kassierern niemals Probleme.alle sehr freundlich und hilfsbereit.da könnten sich die deutschen ab und zu mal was abschauen.freu dich auf idylwild und big bear. ich mochte die beiden Städtchen sehr.ich idylwild erlebte ich ein kleines Erdbeben.in big bear durften wir damals noch auf dem rasen der Feuerwehr zelten und dort auch duschen.
    viel spass und weiter so
    lg heiko

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  • 26. April 2017 um 20:05
    Permalink

    Haha!
    Und ich hab erst schon nen Schreck gekriegt, als ich die Überschrift gesehen habe: Emotionales Bügeleisen??? Ist der Matthias da etwa irgend so einem Idioten begegnet, der ihn niedergebügelt hat??? Aber nein! Die zerknitterte emotionale Lage wurde fein säuberlich faltenfrei gebügelt! Was für ein Bild!
    Freut mich sehr, dass du einen so überraschend schönen Tag hattest, lieber Matthias!

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