Ein schlechter Tag

Ich kann nicht einschlafen. Eigentlich müsste ich müde sein, denn ich war den ganzen Tag auf den Beinen. Das Schreiben hilft mir jetzt, die Zeit bis zum Einschlafen zu überbrücken. Schon gestern Abend ging es mir so, allerdings fühlte ich mich ziemlich müde – und konnte trotzdem nicht schlafen. Der Kopf war am Arbeiten, die Emotionen am Beben und an Schlaf folglich nicht zu denken. Und so bin ich heute deprimiert und hundemüde aufgewacht und spürte gleich, dass es kein guter Tag werden würde.

Beim Frühstück, wie immer mit frischem Obstsalat und einer Kanne Kaffee, las ich einen Artikel aus der „Zeit“, den mir Armin empfohlen hatte. Es ging um die Ablehnung eigener „Mängel“ und dem ständigen Bemühen um Perfektion, beim Erscheinungsbild, der Ernährung, beim Verhalten und bei allem, was man sagt. Der Autor empfand das als langweilig und beschrieb die menschlichen Mängel als das, was das Leben interessant macht. Gleichzeitig stellte er den Umgang mit den gegenseitigen Mängeln als eine Frage der Fähigkeit einer Gesellschaft zur Toleranz dar, einen Ansatz, dem ich gut folgen konnte.

Aber ich las auch noch einen weiteren Artikel. Ein anderer Autor hatte oftmals in einem Fenster im Hinterhof eine Frau gesehen, deren Verhalten ungewöhnlich war und die nur „die Verrückte“ genannt wurde. Nachdem sie bereits längere Zeit nicht mehr zu sehen gewesen war, forschte er nach ihr und stellte fest, dass sie verstorben war. Und nun sprach er mit den Bekannten der Frau in dem Versuch, sie durch deren Freunde rückwirkend ein wenig kennen zu lernen. Das war ausnehmend liebevoll geschrieben und von der Frau wurden die verschiedensten Facetten offengelegt. Eigentlich war sie eine Gestrandete, mit erheblichen Schwierigkeiten, sowohl im Leben als auch mit sich selbst. Und irgendwie fühlte ich mich mit ihr so sehr verwandt. Würde auch von mir einmal jemand so liebevoll schreiben können?

Ich merkte, dass sich die wohlbekannte, erdrückende Traurigkeit meiner bemächtigt hatte. Eigentlich war sie bereits am Vorabend spürbar gewesen. Nun aber konnte ich mir nicht länger vorspielen, es wäre nicht so. Sie ist mir sehr vertaut und ich glaube inzwischen, dass meine Unmöglichkeit, ihr angemessenen Raum zu geben, die Ursache meiner Selbstmordgedanken ist. Auch diese kenne ich bereits gut und war dankbar, dass ich seit Monaten nicht gegen sie anzutreten hatte. Nun waren sie wieder einmal zu Besuch, wenn auch nur kurz. Und ich wusste es ja bereits, es würde ein schlechter Tag werden, an dem ich nicht wirklich produktiv gewesen sein würde, an dem ich mich nur so durch den Tag quälen würde.

Und dann fing ich an, darüber nachzudenken. Der Frühling hat spürbar angefangen und die Sonne schien vom blauen, wolkenlosen Himmel. Flugzeuge von und nach Frankfurt zogen ihre weißen Kondensstreifen hinter sich her, die sich in der klaren Luft schnell auflösten. Die Vögel sangen, die Menschen gingen teilweise kurzärmlig und an der Eisdiele war ziemlich Betrieb. Die ersten Bäume ließen ihr junges Grün schimmern und in vielen Vorgärten blühen die Krokusse. Es war also ein wunderschöner Frühlingstag, alles andere als ein schlechter Tag. Was war passiert?

Der Tag ist nicht verantwortlich, wenn es mir nicht so gut geht. Es ist albern und falsch, ihn einen schlechten Tag zu nennen, er ist einfach ein Tag, weiter nichts. Ganz andere Umstände sind es, die es auslösen und möglich machen, dass ich ihn nicht genießen kann, wie er es eigentlich verdienen würde. Es sind Auslöser in meiner Seele, die mir den Tag verderben. Natürlich sind es nicht immer die gleichen Auslöser. Heute war es diese heftige Traurigkeit, die ich schon seit Jahren mit mir herumtrage. Diesmal war sie noch unglücklich kombiniert mit dem Gefühl des schlechten Gewissens und schuldhaften Versagens.

Es sind Eigenarten, die ich noch immer habe und die mich von der Perfektion im oben genannten Zeitungsartikel meilenweit entfernt stehen lassen. Und die ich gerne ablegen und hinter mir lassen möchte. Dass ich damit noch nicht so gut umgehen, mich nicht abgrenzen und mich von diesen Gefühlen noch nicht distanzieren kann, sollte ich dem Tag nicht anlasten. Er ist nicht dafür verantwortlich, dass ich mit dieser Traurigkeit, die ja ihre Geschichte hat, nicht umgehen kann. Also ist es wohl angebracht, dass ich den Tag um Verzeihung bitte, dass ich ihm meine Schwierigkeiten in seine sonnigen Schuhe schieben wollte.

Ich sollte versuchen, jetzt zu schlafen, vielleicht geht es ja jetzt. Damit ich den nächsten Tag ausgeruht erlebe und entsprechend würdigen kann. Als einen guten Tag.

Ein schlechter Tag

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