Kämpfe

In meiner Wohnung kehrt so langsam Leere ein. Viele Bücher habe ich verkaufen können, andere an das Sozialkaufhaus gespendet, die Fotoalben habe ich an meine Schwester abgegeben und mich von den Schallplatten getrennt. Und es fühlt sich richtig an, das getan zu haben. Und auch, wenn es sich komisch anhört, so bin ich doch für jeden Gegenstand dankbar, den ich abgeben kann. Es ist wie eine Befreiung. Im Rahmen meiner letzten Therapiestunde habe ich es zum ersten Mal geschafft, in Worte zu fassen, welche Gefühle dabei mitschwingen. Ich wäre nämlich gerne dazu in der Lage, bei allen Dingen aus meinem Besitz vor dem Aufbruch zum PCT eine bewusste Entscheidung treffen zu können, ob ich sie in meinem zukünftigen Leben noch haben möchte oder nicht. Und diese Entscheidung möchte ich mit einem guten Gefühl treffen können. Dabei möchte ich mich nicht schlecht und von alten, für mich eigentlich überholten Wertmaßstäben gequält fühlen. Ich möchte das alte Leben hinter mir lassen, wenn ich mich auf den Weg mache. Ich möchte mich frei machen, frei sein.

Und merke doch immer wieder, wie wenig frei ich wirklich bin. Es geht zum Beispiel um einen alten Plattenspieler. Ich benötige ihn nicht mehr, denn meine Schallplatten sind vollständig verkauft. Und in den letzten Jahren habe ich ihn ja auch nicht mehr genutzt, zumal er nicht verlässlich funktioniert hat. Ich bekam ihn vor vielen Jahren von meinem Bruder, der ihn nicht mehr brauchte, gab meinen vorherigen, weniger guten Plattenspieler an meinen Vater ab, der wiederum den Seinen – noch schlechteren –  an irgendwen abgab. So gab es einen umfangreichen Plattenspielertausch. Warum nun fällt es mir so unendlich schwer, diesen Plattenspieler einfach bei Ebay zu verkaufen, zu verschrotten oder ähnliches? Weil ich ihn geschenkt bekam und dadurch nun zu ewiger Dankbarkeit und angemessener, dauerhafter Wertschätzung des Geschenks verpflichtet bin? Weil er doch ein Wert hatte, den ich weiterhin würdigen muss, auch wenn ich ihn gar nicht mehr brauche? Weil ich undankbar und ein Ignorant bin? Weil es unerhört ist, was ich da plane zu tun?

„Das ist ja unerhört“, höre ich die Stimmen sagen. „Das macht man nicht, so verhält man sich nicht!“ Es sind diese lautlosen Stimmen in mir, ein Nachhall von elterlichen Werten, die ich im Rahmen meiner Erziehung eingeimpft bekam und die mir in ihrer einschnürenden Wirkung früher nie bewusst waren. Sie sind wie eingebrannt und funktionieren, verlässlich wie ein Schadprogramm im Computer, als stete Richtschnur, wie ich mich verhalten soll. Das Abweichen von dieser Richtschnur ist mit Strafe bedroht, mindestens mit Verachtung, Ausgrenzung und völliger Nichtbeachtung. Und ich verstehe jetzt, warum ich so derartig erschöpft bin von den letzten Wochen. Nicht nur, dass der grippale Infekt noch nicht überwunden ist. Es ist ein unsichtbarer Kampf gegen diese Stimmen, eine immerwährende innere Rechtfertigung, etwas zu tun, nur weil ich es so möchte. Wenn ich mich von Büchern trenne, die einmal Geld gekostet hatten oder vom Plattenspieler, den ich nicht mehr brauche. Und ich tue es, trotzdem. Aber es kostet so viel Kraft. Es ist doch nicht so leicht, sich frei zu machen.

 

Kämpfe

Ein Gedanke zu „Kämpfe

  • 5. April 2017 um 19:57
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    Bist du sicher, dass dir das „weggeben“ der Dinge so schwer fällt weil es ein ethisches Versagen gegenüber der Erwartungen der „Anderen“ ist?
    Oder hast du eine „Bindung“ an die Gegenständen. Unerklärlich. Unverstanden. Sinnlos.

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