Das erste Mal

„Denk Dir nichts dabei, bei mir ist er beim ersten Mal auch rausgerutscht….“ meinte die Schauspielerin im Film. Sie wunderte sich, dass alle Anderen am Tisch heftig am Lachen waren und wurde rot, als sie verstand, was die anderen Schauspieler verstanden hatten. Dabei hatte sie doch das Hackfleisch gemeint, dass ihrer Kollegin dank starker Zugabe von Ketchup aus dem Hamburgerbrötchen gerutscht war. Das „erste Mal“ ist immer etwas besonderes, auch wenn es nicht so überfrachtet mit Erwartungen an das ekstatische Glück ist wie beim ersten Sex. Das erste Mal ein Mädchen küssen, zum ersten Mal am Steuer eines Autos, der erste Fallschirmsprung – es gibt immer ganz besondere Momente, die man zum ersten Mal erlebt und die aufgrund ihrer bisherigen Einzigartigkeit in Erinnerung bleiben, hoffentlich auch in positiver.

Ich glaube, dass ich ganz viele „erste Male“ in der Taubheit von Wahrnehmung und Emotionen gar nicht bewusst erlebt habe. Sicher bin ich über ganz vieles weggegangen, so wie ich auch oft über meine Gefühle und Wahrnehmungen hinweg gegangen bin, habe den besonderen Moment nur als unbedeutende Randnotiz meines Erlebens zur Kenntnis genommen und nicht weiter beachtet. Und dabei meine ich nicht den ersten Sex. Es gibt so viele erste Male im Leben, ich sollte viel mehr darauf achten. Zum ersten Mal etwas tun, was vollkommen verrückt zu sein scheint, was ich noch nie gemacht habe. Zum ersten Mal meine Angst zu überwunden, zum ersten Mal laut widersprechen und die Einhaltung der eigenen Grenzen eingefordert zu haben – es gäbe soviel, was mir heute wichtiger erscheint, als der erste Kuss, auch wenn er schön, erregend und aufregend gewesen ist.

Aber es gibt auch andere Momente, die eine besondere Beachtung verdienen. Es sind die Situationen im Leben, in denen man etwas zum letzten Mal tut! Sie verdienen vielleicht nicht immer besondere Aufmerksamkeit. Aber wie wichtig und einschneidend ist der Moment, wo man zu sich selbst sagt: So habe ich mich zum letzten Mal behandeln lassen. Das ist ein Moment besonderer Klarheit in der eigenen Wahrnehmung, einem inneren Gongschlag gleich, in dem man merkt, dass sich etwas Gravierendes verändert hat. So habe ich es einmal in großer Klarheit erlebt, als ich mitten in einer intimen Zweisamkeit sehr schmerzhaft erkannte, dass die Beziehung gerade zu Ende gegangen war.

Derzeit tue ich viele Dinge zum letzten Mal. Am Wochenende war es die verhasste Hausordnung mit Fensterputzen, Boden wischen und Hof kehren. Und doch, trotz der heftigen Grippe, mit der ich zu kämpfen hatte, wollte ich diesen Moment bewusst erleben, wo ich mir sagen konnte: Das machst Du nun zum letzten Mal. Der Lappen war bereits ganz löchrig, sodass ich ihn danach mit Achtung in die Mülltonne werfen konnte. Ein großer Moment! Mir wurde bewusst, dass ich das alles nun tatsächlich mache, die Aufgabe der Wohnung und den Weg auf dem PCT. Dass ich in fünf Wochen diese Wohnung nicht mehr bewohnen werde, dass auch die Perspektive des Blicks von meinem Kopfkissen in absehbarer Zeit Vergangenheit sein wird.

Ich hatte hier zum letzten Male mit guten Freunden bei Pizza und Rotwein zusammen gesessen. Es war klar, dass danach die Wohnung immer weniger wohnlich sein würde, ich mit dem Ausräumen beginnen würde. Habe ich diese Momente darum so intensiv geniessen können? Gestern habe ich mein Grundstück zum letzten Mal verlassen und habe mir die Atmosphäre des Waldes im Sonnenlicht versucht einzuprägen, damit ich auch diese Erinnerung wertschätzen kann. Und so werde ich mich von meinem Auto trennen und es zum letzten Mal fahren, an irgend einem Tag in der nahen Zukunft. Es hat mir gute Dienste geleistet, ich bin damit viel unterwegs gewesen, an schönen Orten mit guten Erinnerungen gewesen. Und ich werde mich doch von ihm trennen, vermutlich mit ähnlich geringer Wehmut, wie bei dem Grundstück. Denn es stehen diesem „das letzte Mal“ ganz viele neue „erste Male“ gegenüber, die darauf warten, dass ich sie ganz besonders wertschätze, wie ich es vielleicht in meinem Leben noch nie getan habe.

Was für eine sehr spannende Zeit!

Das erste Mal

2 Gedanken zu „Das erste Mal

  • 11. März 2017 um 12:06
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    auch der erste thruhike wird immer etwas besonderes bleiben.also geniesse ihn.

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  • 11. März 2017 um 7:21
    Permalink

    … und auch deine Freunde werden dich vor dem PCT ein letztes mal real umarmen können, ganz bewusst und mit dem Wissen, dass diesem „letzten Mal“ ein „erstes Mal“ nach dem PCT folgen wird.

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