Freiheit

Auf meine Freunde kann ich mich verlassen. Sie haben ein offenes Ohr für mich, wenn ich Sorgen habe, nicht weiter weiß oder einfach das Gefühl habe, mal wieder mit einem anderen Menschen sprechen zu müssen. Und natürlich weiß ich, dass ich auch auf ihre Hilfe bauen kann, wenn es bei mir mal brennt. Alle sind ganz unterschiedlich, haben verschiedene Stärken und Schwächen, aber ich weiß, dass sie da sind, wenn ich mal ganz dringend Hilfe brauche. Und sie ergänzen sich hervorragend im Rahmen diverser Feiern, die ich in meiner Wohnung unter Zuhilfenahme größerer Mengen Rotweins und Pizza stattfinden lassen konnte. Trotz dieses Wissens und der daraus resultierenden Nähe merke ich, dass das, was gerade bei mir passiert, auch von meinen Freunden nicht immer ganz verstanden worden ist. Vielleicht habe ich mich nicht so gut erklärt? Oftmals brauche ich ja auch für die eigene, gedankliche Klarheit etwas Zeit zum Nachdenken, manchmal auch das Schreibpapier, um mich selbst zu verstehen. Also schreibe ich…..

Gestern war ich zu einem Vorstellungsgespräch in Hannover. Ich hatte mich dort beworben, bevor ich ahnen konnte, dass die Wanderung auf dem PCT in diesem Jahr statt finden würde. Dabei geht es um einen Job als Fotograf im städtischen Museum, der für solche Stellen überraschend gut bezahlt wird. Es war mein „Plan B“, falls „Plan A“ nichts werden würde. Und irgendwie passte es zur gegenwärtigen Entwicklung in meinem Leben, dass nun beide Pläne sich zu verwirklichen scheinen. Als ich einem guten Freund von dem bevorstehenden Ausflug nach Hannover berichtete, erlebte ich zu meiner Überraschung, dass in seiner Sicht auf die Welt die Sicherheit des Jobs eine deutlich größere Bedeutung hat. Sein Rat ging dahin, dass ich mir doch dringend überlegen solle, ob ich nicht den Weg lieber zurückstellen sollte, zugunsten des Jobs und der damit einhergehenden Sicherheit in wirtschaftlicher Hinsicht. Auch an die Rente müsse ich doch angesichts der Unsicherheit in der Welt denken. Zunächst war ich ein wenig befremdet. Und je länger ich darüber nachdachte, umso mehr habe ich mich unverstanden gefühlt. Und es wurde mir klar, dass es für mich beim PCT nicht um eine Wanderung allein geht, es ist viel mehr. Aber was?

Heute habe ich dann mit meinem Therapeuten gesprochen, den ich wöchentlich aufsuche. Mein Thema war unter anderem, dass ich ein ganz merkwürdiges Gefühl im Zusammenhang mit diesem möglichen Job in Hannover habe. Seit der Klinikzeit in Uffenheim versuche ich ja, einen Leitsatz mit Leben zu füllen, den ich von dort mitgenommen habe: Vertraue Deiner eigenen Wahrnehmung! Und in meiner Wahrnehmung spürte ich, dass mich etwas an der Tätigkeit dort stören würde, was ich gerne auf Abstand zu meinem Leben halten würde. Und so haben wir alles genau betrachtet und analysiert. Es ist eine fotografische Aufgabe, die keine wirkliche Herausforderung an mich stellen würde, sie würde mit viel Verwaltungsaufgaben einher gehen, mit einer mäßigen, technischen Ausstattung und einem nicht wirklich interessant scheinenden Aufgabengebiet. Auf der Habenseite stünde die Bezahlung, die auf jeden Fall ein wirtschaftliches Auskommen ermöglichen würde, ohne bei jeder Ausgabe den Cent dreimal umdrehen zu müssen. Auch die relative Sicherheit der Beschäftigung im öffentlichen Dienst rechne ich dazu.

Aber neben dieser berechtigten, sachlichen Betrachtung war da etwas, was ich nur ganz schwer in Worte fassen konnte. Ich fand ein paar Bilder, um zu beschreiben, was ich fühlte. Mein bisheriges Leben sah ich als graue Ödnis, einem Haufen ausgebrannter Asche nicht unähnlich. Aus diesem versuche ich mich gerade zu erheben. Ich ahne den weiten Blick eines erhöhten Standpunktes, von dem aus ich unverbrauchte, frische Luft atmen kann, in die Weite der Landschaft schauen kann und die Arme im Wind ausbreiten kann. Und in dem Moment, als mir das klar wurde, schossen mir die Tränen in die Augen. Es ist wie ein Zurücklassen von alten Fesseln, ein Aufstieg aus der Asche der Vergangenheit, eine Befreiung von Beschränkungen, die ich mir zum Teil auch selbst auferlegt habe und die ich längst hätte abstreifen können. Es hat mit Freiheit zu tun! Einer inneren Freiheit, in der die eigenen Wünsche an das Leben existieren dürfen und nicht ständig den – angenommenen – Bedürfnissen der Anderen untergeordnet werden. Es geht um etwas derartig Großes, dass ich es selbst gar nicht richtig beschreiben kann. Es ist ein Aufbruch mit dem sicheren Wissen, an diesen Ort nicht mehr zurück zu kehren (vgl. auch: Aufbruch), zurück kehren zu wollen. Und genau das war es, was mich bei der Vorstellung, die Tätigkeit in Hannover auszuüben, so befremdet und abgestoßen hat: Das Gefühl, zurück in die graue Ödnis eines Lebens zu fallen, das ich hinter mir habe, ein Leben, das ich nicht mehr führen will!

„Der Weg ist das Einzige, was zählt“ habe ich dann zu meinem Therapeuten gesagt. Und merkte, dass es dabei noch um viel mehr geht. Es ist etwas revolutionäres, es geht auch um die Freiheit, nein zu sagen. Zum Beispiel zu Grenzüberschreitungen in privaten Beziehungen, in denen Ansprüche an mich gestellt werden, die ich nicht erfüllen will. Zu Forderungen nach einem Verhalten, das nicht das Meine ist. Werte, die mir einstmals übergestülpt wurden, dürfen im Rahmen dieser Freiheit angezweifelt, ja umgestoßen werden. Lebenskonzepte, die vielleicht auch einmal für mich Gültigkeit hatten, dürfen geändert und völlig neu definiert werden. Ich muss nicht so bleiben, wie ich bin, auch wenn der gleichlautende Wunsch meist als wohlmeinend missverstanden wird!

Ich möchte ein anderes, ein neues Leben leben, auch wenn ich noch gar nicht präzisieren kann, wie es aussehen soll oder wird. Dazu muss ich erst einmal losgehen. Das ist vielleicht nicht so leicht zu verstehen. Oder doch? Wie sollte ich, bei dieser Sachlage, den Gedanken zulassen können, die Wanderung auf dem PCT zugunsten einer solchen Arbeitsstelle aufzugeben? Das geht nicht, es ist nicht möglich! Es ist mein eigener Weg ins Leben. Ich gehe ihn nur für mich. Und ich werde, soweit die auf eigenem Erleben fußenden Voraussagen zutreffen, ziemlich verändert zurück kommen. Darauf freue ich mich schon heute. Und nehme auch dafür in Kauf, dass es sehr schwierige Tage auf dem Weg geben wird, Tage, an denen mir alles zuviel ist und ich aufhören möchte – und mich trotzdem durchbeiße. Und dass vielleicht auch die Zeit danach nicht so leicht wird.

Niemand kann ihn mit mir gehen, selbst dann nicht, wenn er die gleiche Strecke gehen würde. Es ist mein Weg. Und ich freue mich, wenn ich in diesem Sinn verstanden werde.

 

Freiheit

2 Gedanken zu „Freiheit

  • 1. Februar 2017 um 18:37
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    „Siehste, hatte ich nicht gesagt, spar dir das mit Hannover…“ – ABER: nach dem was ich jetzt gelesen habe, bin ich froh, dass Du dort warst im Norden! Denn ich glaube, das hat Dir viel Klarheit und Bestätigung gegeben! SEHR GUT.
    Hast Du schon mal daran gedacht, dass der Weg vor dem Weg vielleicht noch viel wichtiger ist, als der PCT selbst?
    Ich bin weiterhin sehr gespannt, wie sich alles für Dich weiterentwickelt und werde Dich gedanklich und natürlich auch neugierig (oder soll ich sagen gierig lesend) begleiten! Immer schön weiter so – Schritt für Schritt! Ich bin stolz auf Dich!

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  • 25. Januar 2017 um 17:57
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    Guten Abend, Matthias! Wie gut das tun muss, solch klare Gedanken und Gefühle fassen zu können! Und so ein klares JA zum Weg ist der Schlüssel nach Canada, da bin ich mir sicher. Freue mich mit Dir von ganzem Herzen. Und bin sehr froh, von Dir zu lesen.

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