Exhibitionismus

Zur Zeit spreche ich sehr oft mit Menschen, die mich und meine Geschichte kennen. Ich bekomme überall positive Resonnanz, tatsächlich hat mich noch niemand für verrückt erklärt. Aber eine Aussage hat mich überrascht und zum gründlichen Nachdenken animiert: die Frage nämlich, ob das Ganze hier nicht an Exhibitionismus grenzen würde.

Und so habe ich einmal bei Wikipedia nachgeschlagen: „Exhibitionismus ist eine Sexualpräferenz, bei der die betreffende Person es als lustvoll erlebt, von anderen (meist fremden) Personen nackt oder bei sexuellen Aktivitäten beobachtet zu werden….“ In diesem Sinne wird wohl niemand behaupten, dass es sich bei diesen Seiten um Exhibitionismus handelt. Weiter kann man bei Wikipedia lesen: „Allgemein gebraucht bedeutet der Begriff eine übertrieben intime Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit, etwa im Rahmen von Talkshows oder im Internet. Diese Selbstdarstellung ist dabei nicht auf den rein körperlichen Aspekt beschränkt.“ Wer mich kennt, dem dürfte klar sein, dass es mir nicht um übertrieben (intime) Selbstdarstellung geht. Aber um was geht es dann?

Wenn ich in meine Vergangenheit zurück blicke, so habe ich es erfolgreich geschafft, die meisten meiner Gefühle für andere Menschen unsichtbar zu halten. Dies resultierte aus meiner Erfahrung, dass es meinem Gegenüber sichtbar Genugtuung verschaffte, wenn ich Gefühle zeigte, die darauf schliessen ließen, dass die Person mich im Inneren getroffen und verletzt hatte. Also zeigte ich keine Gefühle, wurde von Anderen ungewollt als arrogant und unnahbar wahrgenommen und schaffte es, mir selbst vorzuspielen, dass ich nicht verletzbar wäre. Was für ein Irrtum!

Inzwischen habe ich Erfahrungen gemacht, die mir gezeigt haben, wie unsinnig mein ursprünglicher Ansatz war. Dazu gehört besonders eine für mich ungeheuer wertvolle Freundschaft, die sich erst richtig entwickelt hat, als ich aufhörte, den Macher zu spielen, der immer alles schafft. Sie hat sich inzwischen zu meiner stärksten Stütze im Leben entwickelt. Und ich hatte, direkt nach über vier Monaten Psychiatrie, einen Kontakt mit einem potentiellen Kunden, den ich vorher noch nicht kannte. Nach höflichem Geplänken und gegenseitigem Abtasten fragte er mich nach meinen beruflichen Erfahrungen und den Aufträgen, die ich zuletzt realisiert hatte. Einen kurzen Moment des Zögern gab es, dann entschloss ich mich, einfach ungeschminkt zu sagen, wo ich zuletzt war und wie es mir ging. Die Wirkung darauf war unerwartet. Der Kunde fragte mehrfach, von nachdenklichen Pausen unterbrochen, nach meinen Erfahrungen in der Klinik und ich antwortete ihm ehrlich auf alle Fragen. Im weiteren Verlauf des Gesprächs berichtete er davon, dass sich sein Sohn gerade in einen psychiatrischen Klinik befände und er damit große Probleme hätte, weil er es nicht verstand. Sein Sohn war zu diesem Zeitpunkt erfolgreich in einem großen Einzelhandel im gehobenen Management tätig. Wir haben daraufhin über eine Stunde nur noch über diese und ähnliche, jedoch absolut privaten Dinge gesprochen, obwohl wir uns ja eigentlich wegen der Durchführung fotografischer Aufnahmen getroffen hatten. Und natürlich habe ich am Schluss auch diesen Auftrag bekommen.

Daraus habe ich für mich abgeleitet, dass ich gute Erfahrungen mit anderen Menschen machen werde, wenn ich ihnen als Vorleistung meine Ehrlichkeit entgegen bringe. Und das mache ich seit her. Ich versuche, nichts zu dramatisieren, aber auch nichts kleinzureden, wenn es um mein Befinden, meine Gedanken oder Gefühle geht. Das klappt nicht immer, meist aber recht gut. Und tatsächlich habe ich fast keine negativen Situationen erlebt. Meist sind die Menschen überrascht, dass ich ganz offen über mich reden kann: darüber, wie schlecht es mir bisweilen geht und wie ich mit Selbstmordgedanken ringe. Und ich habe eines gelernt: Man kann mich auch verletzen, wenn ich nicht ehrlich bin. Die Verletzungen gehen auch durch die Abwehrmauern, die ich dagegen aufgerichtet habe und die mich zu ersticken drohen. Sie sind gegen Niedertracht und Verletzungsabsicht kein wirklicher Schutz. Wenn ich aber ehrlich über mich rede, kann ich viele positive Kontakte knüpfen und mein Leben reicher werden lassen.

Und das tue ich hier: Ich zeige mich, mit meinen positiven und negativen Seiten, mit meiner Verletzlichkeit und der Angst, die mich ständig begleitet. Und ich kann nicht verhindern, dass es eventuell den einen oder anderen Menschen gibt, der dies zu verletzendem Verhalten ausnutzen wird. Aber ich denke, dass ich im Gegensatz dazu viele positive Rückmeldungen erhalten kann. Darauf freue ich mich schon jetzt.

 

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Ein Gedanke zu „Exhibitionismus

  • 1. November 2016 um 20:32
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    Lieber Matthias, Du schaffst das, Du bist in deinem Inneren ein Großer…..bin sehr stolz auf Dich!!! Alles Liebe, Inken

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